Es mochte etwa Abends um die achte Stunde ſein, als eine hohe, weibliche Geſtalt den Weg zur Grotte des Pauſtlippo nahm.
Sie trat mit einem frommen Schauder unter das tiefe Ge⸗ wölbe, und es mußte hier Alles den Eindruck auf ſie machen, als ſei ſie im Vorhofe vom Palaſte der Proſerpina.
Dichte Finſterniß, welche ihr Auge vergebens zu durchdrin⸗ gen ſuchte, umhüllte ſie bereits.
Plötzlich blieb ſie ſtehen und blickte rückwärts, wo alſobald ein Diener erſchien, welcher eine Fackel trug und der nun wie⸗ der fortſchreitenden Gebieterin folgte.—
Nach wenigen Augenblicken gelangte ſie nach einer kleinen
unterirdiſchen Capelle, welche hier im Felſen gehauen und der
heiligen Anna errichtet war; ſie gab dem Diener einen Wink, dieſer ſteckte die Fackel in den Boden und entfernte ſih dann ſchweigend.
Sie kniete vor dem Altar nieder, verſank in ein tiefes Gebet und flehte mit heller Stimme zu Gott und der heiligen Anna um Erfüllung ihrer Wünſche, oder um— baldigen Tod.
Eine Viertelſtunde ſpäter erſchien in kurzer Entfernung ein
Mann. Er erblickte die knieende Geſtalt, welche mit ihrem bleichen
Antlitz einer frommen Büßerin glich, und ein ſüßes Weh zog in ſeine Bruſt.
Ihr Ton, ihre Geberden übten eine unbeſchreibliche Gewalt auf ihn— er höͤrte von ihren zitternden Lippen ſeinen Namen hauchen, und eine Thräne quoll aus ſeinem Auge hervor.
O Macht des Mitgefühls, wie unendlich, wie namenlos, wie gewaltig iſt Dein Zauber!
Sein Auge war unverwandt auf ſie gerichtet— ihre ganze
Seele ſchien in die ſeinige einzudringen.
Auch er vermochte ſich jetzt der Andacht nicht zu erwehren, ſeine Welt war die— Betende, ſeine Gottheit— die heilige Anna, zu der ſie flehte.
Er gab ſich einer Inbrunſt des Gebetes hin, wie er ſie noch nie empfunden hatte, und doch war es ein ganz anderes Gebet, wie es ſonſt von Sterblichen emporgeſandt wird.
Dieſes Gebet äußerte ſich nicht in Worten, nicht in from⸗
men Andachtsphraſen, und war doch voller Gefühl— ſein Mund


