Teil eines Werkes 
4.-6. Bändchen (1844)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

ler ſo

iebes⸗

227

Lieutenant von H. beſaß nicht die regelmäßig ſchö⸗ nen Züge des Architekten, noch ſeinen hohen Wuchs und ſein männlich imponirendes Weſen; aber in zwei Eigen⸗ ſchaften konnte er ſich vollkommen mit Leilern meſſen: in Gewandtheit und Kühnheit. Und Linus war über⸗” dieß ein ſehr artiger und angenehmer junger Mann, und daran gewöhnt, ſein Glück bei den Damen zu machen. Bei ſo anerkannten Vorzügen mußte es ihn daher beſon⸗ ders verdrießen, ſeine Artigkeiten bei Alfhild ganz frucht⸗ los zu ſehen. Was er auch ſprach, es machte offenbar keinen Eindruck auf ſie. In früheren Tagen hätte ein Mann von ſeinem heitern und leichten Weſen wenigſtens ihre Sinne feſſeln können; aber jetzt war jedes Gefühl Alfhilds ſo ausſchließlich dem Einzigen geweiht, den ſie je geliebt hatte und lieben konnte, daß jedes Bemühen, ihr auch nur den unbedeutendſten Blick, das geringſte aufmunternde Lächeln abzugewinnen, nothwendig miß⸗ lingen mußte.

Widerſtand iſt noch immer ein Reizmittel geweſen, ſogar für ſolche Schmetterlingsnaturen, wie Lieutenant von H.; und er fing an, ſich endlich ordentlich einzu⸗ bilden, daß er Alfhild tief und ernſtlich liebe.

„Ich weiß nicht,“ ſagte der Major einmal auf dem Heimweg,„warum Du das arme Mädchen beſtändig mit Deinen Schmeicheleien und auswendig gelernten Kom⸗ plimenten quälſt? Um ſolchen Unſinn bekümmert ſich ein rechtſchaffenes Landmädchen durchaus nichts. Das könn⸗ teſt Du wohl ſelbſt einſehen, wenn Du nur die Augen aufmachen wollteſt, mein lieber Linus.“

„Es gibt bei meiner Ehre nicht Eine unter hundert Mädchen, die nicht Schmeicheleien liebte,“ ſprach Linus; und mit einer gewiſſen Zufriedenheit ſetzte er hinzu: „Wie viele von dieſen ländlichen Tugendexempeln meint wohl der Herr Onkel, daß mir widerſtehen könnten, wenn ich nur recht gefallen wollte?

„Wie viele?“ antwortete der Major:„Das iſt mehr, als ich beſtimmen kann. Ich halte mich deßhalb nur an

15*