208
ſie nicht beſſer nach ihren Sachen ſahen,“ ſprach eben Madame Liſa in halb zornigem Tone, als ihre Be⸗ trachtungen von einer wohllautenden Stimme hinter ihr geſtört wurden.
„Gehorſamſter Diener! Habe ich vielleicht die
Ehre, Frau Lindbom zu ſehen?“ Der Probſt, der aus Gewohnheit artig war, und
überdieß ſchon Kenntniß von der ausgedehnten Macht
hatte, welche Madame Lindbom beſaß, hielt es für paſſend, ſie auf eine Art anzureden, die den überzeu⸗ endſten Beweis von ſeiner Achtung vor der neuen Patronin geben mußte.
Madame Liſa fand, daß das Organ des Probſtes äußerſt angenehm und ſeine Worte nicht ohne einen gewiſſen Geſchmack geſetzt ſeien.„Frau Lindbom!“ Hm! warum nicht? Das gab den Leuten wo möglich noch mehr Reſpekt, und paßte für ihren neuen Stand weit beſſer als Madame.
„Ja, mein Name iſt Lindbom,“ erwiederte Liſa
mit freundlicher Wuͤrde.„Unſer Probſt, wie ich
glaube?“
„Niemand verdenke Liſa dieſes„Unſer.“ Die Alte war ſo ſehr daran gewöhnt, in der Mehrzahl zu ſprechen, daß ſie ſich keiner andern Zahl erinnerte.
Gleich darauf trat der Major ein; und Alles ſchien ſich auf das Freundlichſte mit dem Probſte zu geſtalten. Natürlich kam die Rede zuerſt auf den un⸗ vollendeten Kirchbau.
„Morgen komme ich nach dem Probſthofe, und
dann will ich die Kirche ſehen,“ ſagte der Major.
„Schade, daß wir nicht denſelben Baumeiſter behalten
—
konnten! Ich intereſſire mich ordentlich für den Men⸗
ſchen. Er wird es wohl nicht über ſich nehmen wollen
ſein Werk zu vollenden?“— Der Probſt zuckte die Achſeln.—„Das läßt ſich
ſchwerlich thun. Er war, wie der Herr Major natür⸗ lich wiſſen wird, in verſchiedene und ſehr leidige Ver⸗
8


