46
unrecht, wenn ich hinab ginge. Gott weiß, daß ich manchen Tag meines Lebens hingeben wollte, wenn ich noch einmal mein Herz an dem Anblick der geliebten Züge erfreuen dürfte, aber ich will nichts thun, das ich mir als anſtößig, vielleicht ſogar als ſündlich vor⸗ werfen müßte.“*
„Grillen, mein Mädchen, meiner Seele Grillen! Wir gehen hinaus, um einen Spaziergang zu machen und den ſchönen Abend zu genießen; ſehen zugleich den Kirchbau und ſprechen ein paar Worte mit dem Bau⸗ meiſter, wenn er da iſt. Wenn das anſtößig oder ſünd⸗ lich iſt, ſo verſtehe ich mich weder auf dieß noch auf das, doch thue, wie Du willſt; ich meinte es gut und dachte, es würde Deinem kranken Herzen wohl thun.“
„Ach ja, das würde es gewiß,“ erwiederte Alfhild lebhaft;„und wenn Du meinſt, daß nichts Böſes an der Sache iſt, Onkel, ſo will ich gerne gehen. Ich will ihn nur ein Bischen tröſten und ſelbſt ein wenig Troſt holen. Da wird es denn uns Beiden beſſer werden.“
Sie gingen durch das roth bemalte Gatterthor Pinin und ſchlugen den Weg nach dem neuen Kirch⸗
au ein.
Das friſche, ſchöne Gemälde, das ſich vor ihren Blicken ausbreitete, wirkte mächtig auf ihre Seelen. Alfhild hatte es nicht mehr geſehen, ſeit der Juni ſein feines grünes Sammetgewand über Feld und Wald ausgeworfen hatte. Mit vollen Zügen ſog ſie den rei⸗ nen Genuß ein, der ihr in jedem Säuſeln durch die alten Pappeln entgegenſtrömte. Da lag auf der Landſpitze einer Seite die verfallene graue Kirche, und ſpiegelte ſich wie ein Adler mit zerſchoſſenen Schwingen in der ruhigen, von keinem Hauche bewegten Fläche des Bin⸗ nenſees, auf der anderen erhoben ſich die weißen Mauern des wachſenden Tempels, wie ein Schwan, der nach einem Bade im weißen Schaume wieder auftaucht und ſich jetzt im grünen Mooſe des Ufers trocknet. Im Hintergrunde erſchienen die gewaltigen Ruinen des


