320 Elftes Kapitel.
Edle ſein Weſen ſo lange treiben konnte, ohne als Wahnſinniger eingefangen zu werden? Ich glaube das Erſtere; denn mit einer etwas erregbaren Einbildungskraft hier durch dieſe gewaltige Fläche ziehend, iſt man wohl im Stande auf ſeltſame Gedanken zu verfallen und, wenn man den Kern einer ähnlichen Narrheit in ſich trägt, ſo weit zu kommen, daß man ſeinen eigenen Schatten für einen Angreifer, Windmühlen für Rieſen hält.
La Roda war längſt unſeren Blicken entſchwunden und ringsumher, ſo weit man ſehen konnte, kein Dorf, kein Haus, keine Spur einer menſchlichen Wohnſtätte. Wellenförmig breitete ſich das Terrain nach allen Richtungen aus, aber ohne daß der Hori⸗ zont durch eine erhabene Bergkette begränzt worden wäre. Der Fär⸗ bung nach ſchien übrigens vor uns etwas dergleichen zu ſein, denn dort verwandelte ſich das gelbliche Roth der Haide in Grau, ſpäter in Violet; aber es war nur ein flacher Streifen ohne die ausgeſprochene Form eines Gebirges. Vielleicht war dort eine Waldung, und das hätte uns in der langweiligen Oede, in der wir nun ſchon mehrere Stunden fortgingen, einige Abwechslung gewährt. Aber unſer Führer meinte, es ſei hier weit herum kein Wald, es ginge immer nur in gleicher Art fort, Hügel auf und Hügel ab nach Villarrobledo, Tembleque bis Madrid, immer gleich, immer gleich. Auch begegneten wir bei unſerem Marſche Niemanden; es ſchien uns, daß es hier in Spanien nicht Sitte ſei, viel über Land zu reiſen; ja, unſer Mann erklärte uns, er ſei erſt einmal in Villarrobledo geweſen, und das wäre ſeine längſte Reiſe. Was wir ſchon in Catalonien bemerkt, fanden wir hier in Caſtilien, nur nicht in dem ausgedehnten Maßſtabe wie dort: auch hier kamen wir zuweilen an bearbeiteten Feldern vorbei, ohne daß wir die Wohnungen entdeckt hätten, wo ſich die Menſchen auf⸗ hielten, welche dieſes Feld bebauen.
Endlich ſorgte der Himmel für einige Abwechslung; es zogen Wolken auf, deren Schatten die ſtille Fläche in etwas beleb⸗ ten, und es gewährte uns Unterhaltung, wenn wir den lang⸗


