Erſtes Kapitel.
Liebchen, welches vielleicht dort gewohnt hat und verſchwunden iſt, konnte wohl den Lockungen der Eiſenbahn nicht widerſtehen und fuhr gen Ulm, der alten Stadt an der Donau, jetzt Bun⸗ desfeſtung mit ſehr vielem und ſchönem Militär.
Auch wir kamen gegen halb 1 Uhr dorthin, um nach einer halbſtündigen Mittagsraſt durch die ausgedehnten Ebenen Ober⸗ ſchwabens weiter zu fahren. Alles hat hier einen andern Charakter, die Gegend iſt flach, die Ausſicht faſt unbegränzt, nur hie und da haftet das Auge gern an einem majeſtätiſchen Schloß, einem prächtigen Kloſter oder an alten maleriſchen Städten, wie Biberach und Ravensburg, die noch immer wie gerüſtet daſtehen im ver⸗ witterten Steinharniſch, umgeben von Mauern und Thürmen. Eine angenehme Abwechslung iſt endlich der Schuſſendobel, den man über viele Brücken hinweg klirrend und ſauſend hinabrast, wieder einmal durch dichten Wald, zwiſchen Bergen dahin und über klares Waſſer. Der Schuſſendobel hat zwei Merkwürdig⸗ keiten: das Haus des großen Hannickel, ein altes morſches graues Gebäude, ganz wie eine Zigeunerherberge ausſehend, und die Station Turlesbach, letztere berühmt, weil hier außer den Conduc⸗ teuren noch nie eine menſchliche Seele aus⸗ oder eingeſtiegen ſein ſoll, ſo ſagt nämlich die Tradition.„Turlesbach“ ruft der Zug⸗ führer und ſetzt gleich darauf hinzu„fertig“, worauf es ohne anzuhalten weiter geht.
In Friedrichshafen, wohin wir um 3 Uhr kamen, greift alles ſehr gut in einander, um den Reiſenden und ſein Gepäck ſogleich an den See und auf das Dampfſchiff zu befördern, welches ſich denn auch eine halbe Stunde ſpäter mit uns in Bewegung ſetzte und zu dem ſchönen neuen Hafen hinausfuhr. Die Quais deſſelben, ſeine Uferwand und der Leuchtthurm ſind nun vollendet; feſt und doch zierlich erbaut, geben ſie der Waſſerſeite Friedrichs⸗ hafens ein heiteres ſtattliches Anſehen und gewähren den Schiffen den vollkommenſten Schutz gegen alles Unwetter des zuweilen ſehr aufgeregten und unartigen Sees. Von den Fahrten der


