—
— 6— „Bin ich das denn wirklich?“ gab ſie haſtig zur Ant⸗ wort und ſchaute mit verwirrtem Blick um ſich, wobei ſie ihre Haare aus der Stirne ſtrich.„Habe ich wirklich Schuld daran? Hätte ich Manches anders machen können und ſollen?— O ſprechen Sie, Victor! Sprechen Sie!“ wie⸗ derholte ſie mit Heftigkeit.„Glauben Sie mir, ich fühle, daß mein Herz weicher geworden iſt, daß ich empfänglich bin für jedes gute, für jedes verſöhnliche Wort. Darum V ſprechen Sie, ich beſchwöre Sie darum!“ V „Was ſoll ich Ihnen alles das wiederholen, Thereſe, was ich Ihnen ſchon ſo hundertmal geſagt?— Und doch würde ich es mit Freuden thun, wenn ich denken könnte, daß Sie mir wirklich mit andern Gedanken zuhören würden.“ „Gewiß mit andern Gedanken,“ ſagte ſie raſch,„ge— V wiß! gewiß!“ V Ein helles Licht ſchien auf den bisher ſo finſteren Zügen des jungen Mannes zu leuchten; er trat der wei⸗ nenden Frau näher, er faßte ſanft ihre Hand und ſagte ihr mit weicher Stimme: V„So glauben Sie mir vor allen Dingen, Thereſe, daß V er gewiß ebenſo unglücklich iſt wie Sie, daß er mindeſtens ebenſo viel gelitten, daß er ſchaudernd auf einem Boden gewandelt, wo er fühlte, wie er ihm Tag um Tag, Stunde um Stunde immer mehr unter den Füßen ſchwand. Glauben Sie mir, daß er lange, lange Zeit hoffend auf Sie blickte, eines guten, freundlichen Wortes gewärtig, das Sie aber nicht für ihn hatten, auf eine rettende Hand har⸗ rend, die Sie ihm aber nicht darreichten, die Sie gen Him⸗ mel erhoben, wenn Sie ſchwere Anklagen gegen ihn vor⸗ brachten.— Laſſen Sie mich ausreden, Thereſe,“ ſetzte er V in erhöhtem Tone hinzu, als er bemerkte, daß Sie etwas entgegnen wollte.„Sie haben ihn nie verſtanden, Sie
—— +——
2
—
4 1
wollten ihn nie verſtehen, und um endlich Ihrer Unduld⸗


