302 Achtundfünfzigſtes Kapitel.
Weiſe, und wenn Ihr mir ſie noch ein oder zwei Mal vor⸗ ſingt, ſo lerne ich ſie auswendig.“
„Das will ich recht gern thun,“ gab das junge Mäd⸗ chen zur Antwort,„aber nicht jetzt, es langweilt mich, immer
daſſelbe zu ſingen, ein anderes Mal. Aber ſagt mir doch,
Don Enrico,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, während ſie den rechten Arm auf die Hüfte ſtemmte und ihm in das Geſicht ſah,„warum ſchaut Ihr mich immer ſo ſtarr an? Merkt Ihr an mir etwas, was Euch nicht gefällt?“
„Im Gegentheile!“ rief er entzückt aus;„ich ſehe Euch deßhalb an, weil Ihr ſo wunderbar ſchön ſeid, ja, ſo ſchön, wie ich nie etwas Aehnliches geſehen, ſo ſchön, daß—“
„Hier ſtockte Herr Richter, denn er fürchtete zu viel ge⸗ ſagt zu haben, und ihm bangte davor, daß ſie ſich jetzt viel— leicht ſchmollend abwenden und ihm, wenn auch afeectirt, ärgerlich ſagen würde: Ach, gehen Sie mir weg; meinen Sie vielleicht, ich würde Ihnen glauben? Doch ſagte Marietta nichts dergleichen, auch war in ihrem Geſichte nicht eine Spur zu leſen, als habe ſie etwas ihr Ungewöhnliches ge⸗ hört und ſei erſtaunt darüber; nein, ſie blickte ihn vielmehr mit derſelben Ruhe an, wie bisher, als ſie erwiderte:„Ich weiß, daß ich ſchön bin, das hat man mir ſchon oft genug geſagt und ich ſehe es in meinem Spiegel, wenn ich mich darin betrachte. Nur möchte ich wiſſen, Don Enrico, warum auch Ihr mich ſchön findet? Ich habe immer geglaubt, die Deutſchen zögen die blonden Mädchen vor. Da müßt Ihr nach Mailand gehen und nach Venedig, man ſpricht viel von den blonden Lombardinnen.“
„Wo kann man prachtvolleres Haar ſehen, als das Eurige, Donna Marietta?“ rief der junge Mann enthuſia⸗
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