. 535
Einundzwanzigſtes Kapitel.
Jungfer Clementine Strebeling wußte gar nicht, wie ihr
geſchehen. Sie konnte, wie in der Oper, von ſich ſelbſt ſagen: Sein Blick, mir zugewendet, War Blitz und Schlag zugleich.
Nicht als ob der Anblick des Herrn Sidel gar eine heftige Liebe in ihrem jungfräulichen Buſen plötzlich entzündet hätte— dem war freilich nicht ſo— aber ſie hatte ſchon oft drüben am Fenſter die verſchiedenen Hausbew ohner bemerkt, auch keine üblen jungen Leute, und noch dazu mit herabwallenden Haaren und langen; zottigen Künſtlerbärten. Es war vielleicht der reſpekt⸗ volle Gruß, den der Herr Sidel im Augenblicke hinüberſandte, als er drüben das Geſicht der alten Jungfer auftauchen ſah. Ja, der Gruß war reſpektvoll und wie überraſcht geweſen, das iſt gar nicht zu läugnen; überraſcht, weil der luſtige Rath an dem gegenüberliegenden Fenſter etwas Liebreizenderes erwartet hatte. Aber dem ſei, wie ihm wolle: die Thatſache bleibt feſtſtehen, daß er einen feſten längeren Blick hinüber geſandt, als bei dieſen Verhältniſſen gerade nothwendig geweſen wäre, und ebenſo wahr
bleibt es auch daß dieſer Blick das Herz der alten Jungfer wie
ein mächtiger Feind umkreiste und an dem morſchen Palliſſaden⸗ bau eben dieſes Herzens mit aller Kraft zu rütteln begann.
Die ſchöne Katharine ſaß in ihrem Zimmer; es hatte die Nacht durch gewittert, heftiger Regen war unter Blitz und Don⸗ ner niedergeſtrömt, und der Marktplatz hatte ſich am frühen Morgen in einem Zuſtande großer Feuchtigkeit befunden, deßhalb die Tochter der Gemüſehändlerin ſich außerordentlich beeilt, um ihre Geſchäfte zu beendigen und ſich in ihr Zimmer zurück⸗ niehen zu können. Wir dürfen aber dem geneigten Leſer nicht verſchn eigen, daß die Feuchtigkeit des Marktes nicht die alleinige Urſache war, weßhalb Katharine ihren Stand ſo früh verlaſſen;
———


