Jungfer Clementine.
Und die unſchuldige alte Jungfer änſtigte ſich ebenfalls vor ihrer Pracht— und dieſe Sonnenpracht war ihr die Liebe— und da⸗ vor fürchtete ſte ſich ganz gewaltig. Ach, ſie fühlte ſich ſo be⸗ haglich im Schatten kühler Denkungsarten, und doch hätte ſte aus dieſem Schatten einmal ſo gern hinausgeſchaut in das von heißer Gluth und fröhlichen Sonnenſtrahlen beglänzte Leben! „Sie duftet und weinet, ſie weinet und zittert, Vor Liebe und Liebesweh.“ Aber es muß eigentlich etwas Süßes ſein, vor Liebesweh zu vüften, zu weinen und zu zittern, meinte Clementine. „Sie blüht und glüht und leuchtet Und ſtarret ſtumm in die Höh’'—“ ſcholl es ſehnſuchtsvoller von drüben herüber, und Clementine, die bis jetzt ängſtlich die Blicke auf ihr Buſentuch geheftet, ſtarrte nun plötzlich in die Höhe, ganz wie die Lotosblume, und wäre gern von dem Fenſter zurückgefahren, wenn dieſes im ſelbigen Augenblicke nicht höchſt unſchicklich geweſen wäre. Denn als ſie ſo in die Höhe ſtarrte, ſtand drüben ein junger Mann an dem Fenſter, der ſich ſittſam herüber verneigte, als er ſo wenige Fuß von ſeiner Naſe plötzlich die himmelblauen Augen der Jungfer Clementine Strebeling erglänzen ſah, oder ſchimmern ſah, oder überhaupt nur ſah. In dieſem Augenblicke klangen die Worte des Geſanges:
„Der Mond, der iſt ihr Bühle; Er weckt ſie mit ſeinem Licht, Und ihm entſchleiert ſie freundlich Ihr frommes Blumengeſicht.“
Dieſer Vers war außerordentlich paſſend; denn wir wiſſen bereits, daß das Antlitz des Herrn Siedel in ſeiner glänzenden Fülle etwas vom Wollmond an ſich hatte. Auch konnte man, ohne gerade ausſchweifend zu ſein, das Geſicht der alten Jungfer


