Teil eines Werkes 
1. Bd. (1852)
Entstehung
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Dreizehntes Kapitel.

erſteren genau zu überſehen. Gegenüber hatte die Frau Schilder das Haus der Frau Schoppelmann, mit dem uns wohlbekannten Fenſter des Zimmers der ſchönen Katharina, und über demſelben die Wohnung der Jungfer Clementine Strebeling.

Letztere war zu Hauſe; ſie hatte ihre beiden Fenſterſtügel geöffnet, wahrſcheinlich um den Duft einiger Reſedenſtöcke ein⸗ zuathmen, die auf der Brüſtung ſtanden, ſo wie die Klänge der ſchönen Lieder zu vernehmen, die von dem muſtkaliſchen Hauſe

herüberſchallten. Die Lotosblume ängſtiget

Sich vor der Sonne Pracht klang es von dort herüber, und Jungfer Strebeling blickte auf⸗ wärts zum Himmel; denn mit dem Namen Lotosblume verband ſte allerlei hochpoetiſche Ideen, und dieſer Name zauberte phan⸗ taſtiſche goldene Bilder vor ihr zartes Gemüth.

Lotosblume! Dabei dachte ſte an Indien, das fabelhafte Land der Bajaderen und Elephanten, den Schauplatz all der ſchönen Mährchen, die ſie in ihrer Jugend gehört; an Palmen⸗ wälder, an rieſelnde Blumen, an Blumenduft und zauberiſche Klänge.

Lotosblume! Die ſtand an einem kleinen ſtillen See, und das Geſicht dieſer Blume neigte ſich über den Waſſerſpiegel, ſchwankte vor und zurück, ſehnſüchtig, einmal ein anderes Bild zu ſchauen, als das ihrige, und zurück ſchreckend, wenn das Waſſer leiſe anſchwoll und rauſchte, als fürchte ſie etwas Ent⸗ ſetzliches, das dort erſcheinen könne, ihre zarte Jungfräulichkeit rauh zu begrüßen. Und doch ſehnte ſte ſich unbewußt nach die⸗ ſem Entſetzlichen.

Gerade ſo gieng es der armen Clemenzine: Die Lotosblume ängſtiget Sich vot der Sonne Pracht.