Zwölftes Kapitel.
„Hören?“ ſagte die Frau plötzlich mit einem blöden Ge⸗ ſichtsausdruck, und ſchien im Begriffe zu ſein, abermals ihre frühere Taubheit zu affektiren.„Hören?“ wiederholte ſte und hielt ihre rechte Hand hinter das Ohr.„Nein, hier kann uns Niemand hören!“ Das Geſicht aber, mit dem ſie in dieſem Augenblicke nach der Thüre blickte, ſchien dieſe Worte Lügen ſtrafen zu wollen; denn ſte horchte offenbar auf ſchwere Fuß⸗ tritte, die ſich auf der Straße dem Hauſe zu nähern ſchienen. Doch verhallten ſte wieder, und es kam Niemand.
„Laßt die Narrenpoſſen!“ ſagte Joſeph ärgerlich;„und wenn Ihr was wißt, ſo geht mit der Sprache heraus, Ihr braucht, Euch gar nicht zu geniren; was Ihr mir ſagen könnt, wenn wirklich etwas iſt, habe ich doch ſchon lange gewußt.“ Die Frau drehte von übrig gebliebenem Brod kleine Kügel⸗ chen und ſchaute eine Zeit lang liſtig lächelnd vor ſich hin, ehe ſte dem Andringen des Bedienten nachgab. Dann ſagte ſie: „Nun wohl, Joſeph, damit Ihr alſo ſeht, daß ich Euch hierüber durchaus nichts hinterhalte, ſo hört mich an. Euer Herr— der Stillfried nämlich— iſt eine gute, leichtſinnige, aber in ge⸗ wiſſer Beziehung etwas phlegmatiſche Haut; er hat der ſchönen Katharine hie und da ein paar Artigkeiten geſagt, die beiden jungen Leute haben ſich etliche Mal geſprochen, und das alles könnte ein nettes kleines Verhältniß werden, wenn es nicht ſo außerordentlich ſchwer hielte, den jungen Herrn Stillfried für die Länge der Zeit zu beſchäftigen, und wenn es möglich wäre, ihn aus ſeiner Gleichgültigkeit ein Bißchen aufzuſpornen. Mit ſo einer kleinen Anſpornung iſt er Feuer und Flamme, ich kenn“ das; aber ihr alle mit einander ſeid zu dumm, um ihm den ge⸗ hörigen Sporn einzuſetzen.“
Joſeph zog bei dieſen letzten Worten ſeinen Mundwinken


