Teil eines Werkes 
3. Bd. (1874)
Entstehung
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pörten Nerven zuweilen vor unſeren Augen erſcheinen, ſie wußte es nicht, ſie vermochte nicht, darüber nachzudenken, fühlte aber um ſo mehr, wie ihre Kräfte ſchwanden, wie ihr Athem ſchwerer und immer ſchwerer ging, weil eine Centnerlaſt auf ihrer keuchenden Bruſt ruhte. Und dabei war ſie allein in tiefer Nacht, allein ohne Hülfe in dem unheimlichen Hauſe, und fühlte wohl, daß es ihr nicht mehr möglich ſei, die Treppe hinabzukommen und das Zimmer der Haushälterin zu erreichen, die doch unten ſein mußte, da ſie ja, allerdings unerklärlicher Weiſe, den Kranken allein gelaſſen.

Da blitzte ein Lichtſchein unten im Treppenhauſe auf, und die wachſende Helle gab ihr ſo viel Kraft, daß ſie, ſich mit der Hand an die Thüreinfaſſung klammernd, aufrecht bleiben konnte. Sie athmete erleichtert auf, als ſie nun die Haushälterin erkannte, die mit einem Licht in der Hand die Stufen heraufkam, leiſe ſchluchzend und er⸗ regt wie nach heftigem Weinen. Und daß ſie geweint, ſah man an ihrem gerötheten Geſichte, den verſchwollenen Augen, die ſie im Aufſteigen mit der Schürze wiſchte.

So wiſſen Sie es denn auch ſchon, mein liebes Fräulein? ſagte Madame Kegel, das ſchreckenbleiche, ver⸗ ſtörte Geſicht des jungen Mädchens betrachtend.Aber kommen Sie hinein, kommen Sie in Ihr Zimmer und wir wollen die Thür hinter uns zumachen, denn ich bleibe nicht gern bei offenen Thüren, ſetzte ſie, einen ſcheuen

Blick gegen die Treppe werfend, hinzu,kommen Sie Gott, wie angegriffen Sie ausſehen und wie Sie zittern

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