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Ihrem Sinne gehandelt zu haben, meine liebe Pflegetoch⸗ ter, denn die Briefe, welche Fräulein von Wanner ſchrieb, hätten ſelbſt einen Stein zum Erbarmen gebracht. Sie leidet nicht nur an Armuth und Krankheit, ſondern jene Zeichen, von denen der Herr Obermedicinalrath ſo eben ſprach, erſcheinen um ſie, geheimnißvoll und geſpenſterhaft, klingen durch die Luft, Niemand weiß, woher, verwandeln ſich in bedeutungsvolles Geflüſter und erzählen Schauer⸗ geſchichten, wobei man ängſtlich mit den Fingern auf ſie zeigt.“
„Entſetzlich!“ ſagte Sophie tieferſchüttert.
„Aber furchtbar wahr,“ bekräftigte Doktor Werner.— „Wie ſehen jene Zeichen aus? Niemand weiß es und doch fühlt man ihre Wirkung. Jedermann glaubt, die Zeichen zu erkennen, und daß man ſie erkennt, zeigt ſich in einem ſtummen Achſelzucken, in einem zweifelhaften Blick, in einem geflüſterten Worte!— Was aber das Schreeklichſte iſt: auch der Unſchuldige kann ihnen verfallen und von ihnen verfolgt oerden ſein ganzes Leben lang.“
Er hatte bei dieſen Worten einen bedeutſamen Blick gegen Sophie geſandt, die ſtumm und trübe in ſich ge⸗ kehrt da ſaß und jetzt zu ihm aufſchaute, als er fortfuhr: „Ich kenne auch ſolche unſchuldig Verfolgte, deren Lage um ſo troſtloſer iſt, als ſie allein in der Welt ſtehend ſich mit ganzer Seele nach einem milden, tröſtenden Worte ſehnen, die überzeugt ſind, daß ein Kuß der Liebe von ihrer Stirn das Kainszeichen nehmen müßte.“
Sophie hatte ſich raſch erhoben, ſie war bleich geworden


