Teil eines Werkes 
4. Bd. (1874)
Entstehung
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Deßhalb treten wir auf die Terraſſe und bemerken, daß wir hier gerade zur rechten Zeit kommen. Um einen kunſtloſen Holztiſch ſtehen Stühle gaſtlich gereiht und neben dem Tiſche ſehen wir eine junge, ſchöne Frau, im ein⸗ fachſten weißen Kleide, welches ihren Oberkörper und ihre ſchlanke Taille feſt umſchließt und die eben ſo elegante als feine und doch wieder volle Geſtalt zeigt.

Die junge, ſchöne Frau hat reiches, ſchwarzes Haar, das in ein Paar dicken Flechten auf ihren Nacken herab⸗ fällt, und iſt gerade beſchäftigt, jene angenehm duftenden Kräuter, die wir Waldmeiſter nennen, auszuleſen und in eine große Porzellanſchale zu legen, als ſie in dieſem lobenswerthen Geſchäfte von einem rückſichtsloſen Barbaren unterbrochen wird, der, leiſe aus dem Hauſe heranſchlei⸗ chend, ihre wehrloſe Lage benützt denn in beiden Händen hält ſie die feuchten Kräuter der mit einer unbegreif⸗ lichen Grauſamkeit ihre dicken Haärflechten erfaßt, daran ihren lieblichen Kopf langſam rückwärts zieht und ſie auf die friſchen rothen Lippen küßt. Und nicht einmal unge⸗ halten darüber ſcheint ſie in ihrer großen Herzensgüte zu ſein, denn ein freundliches Lächeln umſpielt ihre Züge, und während ſie ſeinen innigen Kuß duldet, ſchließt ſie lächelnd ihre Augen.

Das war nur ein Lohn, den ich mir bei dir geholt, mein ſüßes Herz, für eine ſo eben vollendete Arbeit, die, wie ich hoffe, eine gelungene iſt.

Wie alle deine Arbeiten, Georg, gab ſie in holder Freundlichkeit zur Antwort.