Teil eines Werkes 
1. Bd. (1874)
Entstehung
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anderen kein Auge aus, und wenn man Schwäger in Amt und Würden hat, da läßt ſich Alles machen, wäh⸗ rend Unſereins im gleichen Falle ſchon längſt in eine geſchloſſene Geſellſchaft aufgenoemmen worden wäre, doch wird ſich auch das rächen und es hat ſich ſchon ge⸗ rächt, denn meine Frau hat es von einer Nachbarin erfahren, deren Tochter als Näherin in das Haus der Frau Bendel kommt, wie zuſammengeknickt und zerſtört die Frau umherläuft, ja, bleiben wir arm, aber behalten wir ein gutes Gewiſſen!

Das Haus der alten Staatsräthin anbelangend, ſo waren hier die Erwartungen der neugierigen liebreichen Nachbarn und ſonſtiger wohlwollender Freunde gründlich getäuſcht worden; dieſes Gebäude wurde nicht abgebrochen, denn es lag ſo abſeits von der neuen Straßenlinie, daß es als ein gutes und ſolides Hinterhaus ſtehen bleiben konnte, alſo auch ſein Innerſtes uneröffnet blieb vor profanen Blicken.

Welche Enttäuſchung! Wie hatte man ſich darauf ge⸗ freut, hier endlich einmal hinter die ſchrecklichen Geheimniſſe zu kommen, welche der Keller unfehlbar bergen mußte: das furchtbare Faß mit ſeinem entſetzlichen Inhalt, den Ueberreſten der wirklichen Staatsräthin, während das ehren⸗ volle Begräbniß einer ganz gewöhnlichen Wäſcherin zu Theil geworden war! Von dieſem Glauben ließ ſich der größte Theil der jungen und alten Weiber, welche die Zigeunerinſel bewohnt hatten, nicht abbringen und man war erpicht darauf, endlich einmal die Wahrheit dieſes Gerüchtes durch das Faß im Keller bezeugt zu ſehen.