306 Vierundſechzigſtes Kapitel.
verfallenen Brücke und namentlich vor den Steinfiguren im Graſe gefürchtet habe? Erſchien mir doch alles das in der Erinnerung wie ein geſpenſterhafter Traum, und ich zitterte faſt, wenn ich daran dachte, nun ſeine Wirklichkeit durchleben zu müſſen.“
„Das fühlte ich für dich, mein Kind,“ erwiederte der Graf, indem er mit der Hand leicht über ihr glänzendes Haar ſtrich und, da er einmal ſo beſchäftigt war, ihren Kopf ſanft umwandte und ſie auf die Lippen küßte.„Sage mir ehrlich,“ fuhr er alsdann fort,„erſcheint dir wirklich Manches von der Vergangenheit wie ein geſpenſterhafter Traum, den du weit hinter dir wünſcheſt?— Wenn dem ſo iſt, du liebe Träumerin, ſo ſage mir, wann biſt du eigentlich erwacht, und verkünde mir ohne Rückhalt, ob dein Erwachen wirklich ein fröhliches war.“
Der Blick, mit dem ſich die junge Frau nach dieſen Worten an ihn ſchmiegte, hatte etwas Verſchämtes; auch dauerte es eine kleine Weile, ehe ſie zur Antwort gab:
„Um ganz ehrlich zu ſein, will ich dir nicht verſchweigen, daß, als wir zum letzten Mal dieſen Weg fuhren— wir hatten uns von Mutter und Vater verabſchiedet— ich in dem böſen Traum noch ziemlich befangen war. Dabei will ich noch hinzufügen, daß das Erwachen ſogar ſehr langſam von Statten ging.—— Nie, mein guter Hugo,“ ſetzte ſie alsdann mit vor Rührung zitternder Stimme hinzu,„werde ich aber dabei vergeſſen, wie liebevoll, wie zart du die Schläferin, die Träumerin, die Nachtwandlerin behandelteſt, wie du ſie nie durch ein lautes Wort erſchreckt, wie du ruhig zuſahſt, als ſich ſo nach und nach ein Band um das andere löste, die ihr
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