14 Einundfünfzigſtes Kapitel.
höchſt ſelten, ſonſt würde ſie auch gewiß häufiger nach Ihnen ſehen.“
Die Großmutter lächelte, ob ſchmerzlich oder freundlich, war nicht recht zu unterſcheiden; vielleicht flog etwas von Beidem über ihre Züge, doch behielt der freundliche Ausdruck die Oberhand, als ſie erwiderte:„Es würde mich in der That recht gefreut haben, zuweilen die gnädige Frau Baronin zu ſehen; aber welch großes Vergnügen mir Ihr Beſuch macht, Fräulein Eugenie— Sie verzeihen, daß ich Ihren Vor⸗ namen gebrauche— kann ich Ihnen unmöglich ausdrücken; ich habe Sie ein einziges Mal geſehen, das ſind aber ſchon manche Jahre her; die Kammerfrau der gnädigen Baronin begleitete Sie zu mir; man trug Sie auf einem weißen Kiſſen, das mit Roſaſchleifen beſetzt war. O, ich werde das nie vergeſſen! Es war, als wenn ein kleiner Engel in meine Wohnung käme.— Und darin haben Sie ſich gewiß nicht verändert,“ ſetzte die Frau leiſer hinzu, nachdem ſie Eugenie wieder einmal lange betrachtet.„Sie haben in der That ein gutes, liebes, ein glückliches Geſicht.“
„Sie haben meine Großmutter genau gekannt?“ verſetzte die junge Dame und ſchlug erröthend und lächelnd ihre Augen nieder. Die Worte der alten Frau hatten ſie gefreutz wenn ſie ſich das auch nicht eingeſtehen mochte.„Bitte, er⸗ zählen Sie mir was von ihr! Sieht meine Mutter ihr nicht ähnlich?“
„Damals wenig; ich weiß nicht, ob ſie ſich mit den Jahren verändert hat. Die Gräfin Eller war bis in ihr Alter eine ſchöne, ſtattliche Frau mit lebhaften Augen, ent⸗ ſchloſſen in ihren Worten und Handlungen, energiſch in ihrem ganzen Weſen.“


