Teil eines Werkes 
5. Bd. (1858)
Entstehung
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10 Einundfünfzigſtes Kapitel.

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ſehr nahe an ſeine Lippen geführt. Daß es ſie damals ſelt⸗ ſam durchzuckt habe, erinnerte ſie ſich wohl; jener Augenblick ſtand vor ihr, als wenn das eben erſt geſchehen wäre; ihr Herz war wie zuſammengepreßt, ja, es war ihr geweſen, als ſolle ſie weinen, und doch hatte ſie wieder lächeln müſſen, während ſie tief und mühſam athmete; ſie glaubte es noch zu fühlen, wie damals der Boden unter ihren Füßen ge⸗ wankt, und wie es ſie geſchauert, als habe ſie ein kalter Wind berührt.

Sollte es das geweſen ſein? Wenn ſie ſich auch ſagen mußte, daß Onkel George ſeit jenem Tage anders gegen ſie geworden, ſo konnte ſie doch darin und in dem Anderen keinen Zuſammenhang finden. Hatte er ihr vielleicht gezürnt, daß ſie ihm ihre Hände nicht raſch entzogen? Sie hätte es damals gern gethan, aber ſie fühlte heute noch, wie ſeine flammenden Blicke ſie gebannt.

In dieſen Träumereien war das junge Mädchen durch

das Anhalten des Wagens geſtört worden; man hatte den

Schlag raſch geöffnet, und Klaus, den ſie neben ſich ſtehen ſah, bot ihr mit freundlichem Blick die Hand zum Ausſteigen; dann ſchritt er ihr voraus in eine enge Gaſſe hinein und darauf durch einen hohen Thorbogen in ein altes finſteres Haus. Sie ſtiegen eine Treppe hinauf, die unter jedem Schritte ächzte, bei Fenſtern vorbei, die trotz des klaren Wetters draußen gar trübſelig ausſchauten; ſie ließen den erſten Stock hinter ſich und den zweiten, und je höher ſie ſtiegen, deſto mehr ſchlug dem jungen Mädchen das Herz und deſto mühſamer holte ſie Athem, ſie, die ſonſt die ſteilſten Berge mit der Flüchtigkeit und Ausdauer einer Gemſe hinauf ſprang.