Nachts im Regen. 13
ſpitzer und länger werden ließ, als ſie bisher ſchon war; auch war es nicht der Hauch der kalten Nacht, der ſein Geſicht plötzlich mit Todesbläſſe überzog, während ſeine Augen auf eine entſetzliche Art vor ſich hinſtarrten.— Dicht vor ihm an dem eiſernen Gitter unmittelbar hinter dem Knaben, der aber nichts davon zu ahnen ſchien, ſtand, wie aus der Erde emporgewachſen, eine lange, hagere Geſtalt, in einen rothen Mantel gehüllt, das Kinn umſchlungen von einem Tuche von derſelben Farbe, auf dem Kopfe einen röthlich braunen Hut.— So ſtand die Geſtalt da, ernſt und ſchweigend. Große glän⸗ zende, faſt glühende Augen blitzten unter dem Hutrande her⸗ vor, die Geſichtsfarbe war gelb, und unter der höhniſch aufge⸗ worfenen Lippe hervor glänzten lange, ſchneeweiße Zähne.
Als der Knabe ſo mit einem Male das Geſicht ſeines Meiſters und Brodherrn ſich verändern ſah und dazu bemerkte, wie deſſen Augen ſtarr in die Nacht hinausblickten, da war nichts natürlicher, als daß er ebenfalls ſeinen Kopf herum⸗ wandte; doch hatte er nicht ſo bald die lange, ſchweigſame Ge⸗ ſtalt hinter ſeinem Rücken geſehen, als er mit einem Schrei des Entſetzens das Gitter losließ und wimmernd an der Mauer niederglitt. Einen nicht minder lauten Schrei ſtieß auch Mei⸗ ſter Schwörer aus, nachdem er das Phantom eine Sekunde lang angeſtarrt, drückte alsdann haſtig das Fenſter zu, löſchte das Licht aus und eilte zitternd und mit ſchlotternden Knieen dem Bette zu, wo ſeine Ehehälfte, durch den doppelten Schrei erſchreckt, in die Höhe gefahren war.
„Haſt du's gehört?“ ächzte er;„haſt du's gehört?“
„Und was ſoll ich gehört haben?“ rief Madame Schwö⸗ rer, wobei ſie den Gemahl kräftig abwehrte, der über alle Hinderniſſe hinweg das ſichere Aſyl zu erreichen trachtete.


