232 Vierundzwanzigſtes Kapitel.
er alte Sünden, ſondern vielmehr, als ſei er im Begriffe, die Einleitung zu neuen zu treffen.
Da Erich's Bett beim Herumwerfen krachte, ſo blickte der Bombardier um und ſagte in gleichgiltigem Tone:„Wahrſchein⸗ lich lieſt du Liebesbriefe.“
„Und du concipirſt welche.“
„Vielleicht,“ war die durch einen Seufzer einigermaßen ver⸗ wiſchte Antwort,„denn ſie ſcheint jung und ſchön zu ſein.“
Erich nahm unterdeſſen den zweiten Brief vor, in welchem Herr Renaud meldete, daß er in Erfahrung gebracht, die ſchöne Esmaralda habe die Zigeunerbande verlaſſen, und er ſei aber noch nicht im Stande geweſen, ihre Spur wieder aufzufinden.
„So lange ſie bei den andern war,“ ſchrieb Herr Renaud, „gab mir der Zigeuner, den ich gewonnen, häufig und immer gute Nachrichten; nachdem ſie aber verſchwunden, verſicherte er mir achſelzuckend, keine Macht der Erde ſei im Stande, etwas aus ihm herauszubringen, was— er ſelbſt nicht wiſſe. Doch habe ich bereits andere Fäden angeknüpft und hoffe, nächſtens im Stande zu ſein, Ihnen Auskunft über die Verſchwundene zu geben.
„Es intereſſirt Ew. Erlaucht vielleicht, zu erfahren, daß die Frau Gräfin, wie ich ganz genau weiß, noch immer, wenn auch ſehr im Geheimen, in das Schickſal des kleinen, blonden Zigeunermädchens handelnd eingreift. Dieſes hatte ſich mit ſeiner Mutter, welche jedoch inzwiſchen ſtarb, ebenfalls von den Zigeunern getrennt, und gerade in dieſem Factum glaube ich das edle, wohlwollende und uneigennützige Herz der Frau Grä⸗ ſin zu entdecken.“— Die Worte„wohlwollend“ und„un⸗
eigennützig“ waren zweimal unterſtrichen.—„Gewiß, daß ſie


