228 Vierundzwanzigſtes Kapitel.
muth ihres kindlichen Geplauders, das ſie mit ihm, ihrer lieben Puppe, gehalten. Und wie raſch hatte dieſe liebe Puppe alles das vergeſſen! Nein, nicht vergeſſen aus freien Stücken, aber man hatte ein heißes, betäubendes Vergeſſen über ſie ausge⸗ goſſen, dem ſie erlegen war und unter welchem ſie, ſo oft ſie daran denken mußte, ſchmerzlich leidend aufſtöhnte; und ſie wollte nicht mehr daran denken, wenigſtens jetzt nicht, wo ſo viel Unangenehmes und Tolles durch ihren Kopf fuhr, wo ſie die kahlen Mauern der Gefängnißzelle ohnedies troſtlos genug anblickte. Deßhalb zog er das Papier aus ſeiner Briefaſche her⸗ vor und betrachtete es. Es war ein großes Couvert mit einem Siegel, das aber nicht von ihm und nicht durch Zufall, auf— geriſſen war und welches er überſchrieben fand:„An Seine Erlaucht den Grafen Seefeld. Eigenhändig.“
Unten in der linken Ecke, unter einem geſchwungenen Striche ſehr klein geſchrieben, ſtand der Name des Sekretärs Renaud. Hätte Erich dieſes Couvert nicht gerade da gefunden, wo er es fand, und nach dem, was vorgefallen war, ſo würde er wahrſchein⸗ lich den Verſuch gemacht haben, es unbewußt dem Verlierer wieder zuzuſtellen, ja, er hätte das trotz alledem auch dann ge⸗ than, wenn er ſich auf freiem Fuße befunden; ſo aber konnte er ſich nach allerdings längerem Ueberlegen nicht zurückhalten, die Papiere, welche im Couvert waren, näher anzuſchauen, da— bei aber in der feſten Abſicht, ſie ungeleſen wieder zuſammen⸗ zuſtecken, ſobald ſie ſich, wie er nicht anders erwartete, auf Geſchäftliches bezögen.
Es waren drei einfach zuſammengelegte Briefe ſo wie ein mit zwei Siegeln verſchloſſenes Couvert in ein beſonderes Pa⸗ pier gewickelt, auf dem flüchtig geſchrieben die Worte ſtanden:


