216 Dreiundzwanzigſtes Kapitel.
Dann leuchtete es noch einmal um ihn her wie Seegeſtade mit Wellen und Blumen, und er fühlte, wie Selma einen kurzen, heißen Kuß auf ſeine Lippen drückte; noch einmal zog ſich ſein Herz krampfhaft zuſammen, dann befand er ſich an der Thür, vor der Thür, an der Treppe, und vernahm die Stimme der Frau vom Hauſe, welche hinabrief:„Liſette, öffne dem Herrn Freiberg die Thür und dann ſage dem Fräulein droben, es möchte jetzt zum Frühſtücke kommen!“
Drunten empfing ihn das hübſche Dienſtmädchen, und erſt als ſie ſagte:„Sie ſehen ja aus, als wenn Alles ſchlecht ge⸗ gangen wäre, und haben ja doch den Säbel wieder!“— ver⸗ ſuchte er, ein klein wenig zu lächeln; dann aber machte ſie ein affectirtes, betrübtes Geſicht und ſcufzte ein wenig, während ſie aus ihrem Rocke die bewußte Brieftaſche hervorzog:„Nehmen Sie das auch mit und geben Sie es ihm wieder, es würde für mich eine zu ſchmerzliche Erinnerung ſein. Ach Herr, Brigadeſchüler, wie traurig iſt es für uns arme Mädchen, daß ihr Männer alle ſo entſetzlich treulos ſeid!“
Die Thür fiel hinter ihm ins Schloß und die Kette raſſelte darüber hin, während er mit einem unausſprechlich bitteren Ge⸗ fühle an den grauen Himmel emporſchaute und ſich darüber freute, daß ihm der ſcharfe Wind eine Regenſchauer in das erhitzte Geſicht jagte.
Als er hieher gegangen war, hatte er ſich mit ängſtlicher Vorſicht an den Mauern und Häuſern vorbeigeſchlichen, jedes kleine Seitengäßchen, jede abgelegene Straße benutzend, wogegen er jetzt, mit ernſteren, wichtigeren Gedanken beſchäftigt, dieſe Vorſicht nicht mehr beobachtete. Er ging geradeaus quer über die Straße, vor ſich niederſtarrend, zuweilen mit den Zähnen


