214 Dreiundzwanzigſtes Kapitel.
Mühe das Ufer wieder erreichen, dort ermattet hinſinken unter Gras und Blumen, deren duftenden Kelche an zierlich geneigten Stengeln auf ihn herabnicken.—— Hier waren es indeß keine Blumen, ſondern langes, kühles, blondes Haar, während er wie im Traume, mit halb geſchloſſenen Augen immer noch das Leuchten und Wogen des See's vor ſich ſah. 5
Dann ſprang er raſch empor und zog ſie mit ſich in die Höhe, wobei ihr glühendes Geſicht gegen den Boden gewandt war, ſo daß er ihre thränenfeuchten Augen nicht ſehen konnte.
„Ich fühle, wie viel ich verloren,“ hauchte ſie kaum ver⸗ ſtändlich—„ach hätte uns das Leben früher und bindend zuſammengeführt, während jetzt Jedes für ſich einzeln ſeine Straße wandeln muß und während man nur vielleicht rechnen darf auf ein baldiges, freudiges Wiederſehen— nicht wahr, Erich?“
„O gewiß, gewiß!“ gab er zur Antwort, während ſeine Gedanken ganz wo anders waren; er ſah die arme Ticzka blutend am Boden liegen, er hörte ſie ſagen:„Wenn du bei mir geblieben wäreſt, ſo wäre das alles nicht vorgefallen! Du wareſt recht undankbar, mich zu verlaſſen— werm das alles die kleine Blanda wiſſen könnte!“
Ja, ja, tönte und dröhnte es in ihm, ie, ar recht undankbar; gränzenlos undankbar, und es iſt eine gerechte Strafe, daß ich meine Undankbarkeit verzweiflungsvoll fühle, ja, verzweiflungsvoll— Er ſtarrte vor ſich hin und nagte an der Unterlippe, während Selma leiſe von ſeiner Seite weggetreten war und, am Fenſter ſtehend, an den grauen Himmel emporblickte. Es dauerte eine gute Weile, ehe er im Stande war, ſcheu zu ihr hinüber zu blicken, fürchtend, auch


