208 Dreiundzwanzigſtes Kapitel.
Ideen von dürrer, gefühlloſer Grauſamkeit ſogleich entſchwinden mußten.
Dann wandte ſie ſich gegen den jungen Mann, ein Lächeln auf den Lippen.
„Selma....“ „Herr Freiberg! Was verſchafft mir endlich das Vergnügen, Sie bei mir zu ſehen?“.
Sie betonte das„endlich“ ſo ſtark, daß Erich ſich ge⸗ drungen ſah, es zu wiederholen und dann hinzuzuſetzen:„Sehen Sie, wie ich überraſcht bin, ich hatte keine Ahnung, Sie hier zu finden.“
„Das iſt doch ſeltſam,“ gab ſie zur Antwort, während das Lächeln nicht von ihrem Geſichte wich;„und doch ließen Sie ſich unter Ihrem Namen bei mir anmelden.“
„Bei der Dame dieſes Hauſes, ja, aber im Auftrage eines Freundes.“
„Sollte ich dieſen Auftrag und Ihren Freund vielleicht errathen?— Doch halt,“ fuhr ſie, ihm raſch näher tretend, fort,„iſt vielleicht Ihr Freund und Sie eine und dieſelbe Perſon?— Dabei war aber das Lächeln gänzlich von ihrem Geſichte verſchwunden.
„Daß wir Zwei, mein Freund und ich, in der That ver⸗ ſchiedene Perſonen ſind, dafür kann ich in Ihrem Hauſe ſelbſt die gültigſten Zeugniſſe beibringen.“
„Gewiß? Erich, iſt das wahr? O, es hätte mich ſehr, ſehr geſchmerzt, denn ich weiß, welche Bitte Sie an mich zu ſtellen haben, und es hätte mich tief betrübt, von einem Jugend⸗ freunde ſo— gewöhnliche, mehr als leichtſinnige Dinge zu erfahren! Doch nein, Sie ſprechen die Wahrheit, Sie ſchauen


