Erich kommt ins Unglück. 203
ſo wie ihr Bild, welches ihn in dieſem Augenblicke ſo eigen⸗ thümlich anlächelte— Selma. Er hatte ſo lange nicht an ſie gedacht, ja, er hatte ſie faſt vergeſſen, und jetzt auf einmal erinnerte er ſich ſo lebhaft ihrer hübſchen, ſchmachtenden Augen, ihrer ſtarken Lippen, ihrer vollen Geſtalt.— Pah, dummes Zeug!
Da war das bezeichnete Haus, auf welches er, dicht an der Mauer hingehend, nun zutrat und dann die Klingel anzog.
Es dauerte auch nicht lange, ſo näherten ſich Tritte, die Thür wurde aufgeſchloſſen, aber nur ſo weit geöffnet, als es die von innen vorgelegte Kette erlaubte, und dann erſcholl durch dieſe Spalte ein leiſer Schrei der Verwunderung oder des Schreckens.
„Vor allen Dingen,“ flüſterte Erich,„erſuche ich Sie, mich ins Haus zu laſſen, damit mein Davorſtehen kein unnöthiges Aufſehen macht. Seien Sie geſcheit, hübſche Liſette, ich bin gewiß nicht gekommen, Ihnen Ungelegenheiten zu machen!“
„O, Maria Joſeph, was wollen Sie denn eigentlich? Ich kenne Sie gar nicht!“
„Aber Sie kennen meinen Freund Schmoller.“
„Leider, und ich wollte, ich hätte ihn nie kennen gelernt!“
Vielleicht denkt der eben ſo, dachte Erich und ſetzte laut hinzu:„Das iſt möglich, aber ich habe ein paar dringende Worte mit Ihrer Herrſchaft zu reden, und wenn Sie mich nicht herein laſſen, ſo muß ich ſo lange anläuten, bis Jemand anders kommt!“
Die Kette fiel, und Erich trat in das Haus, welches ſogleich hinter ihm verſchloſſen wurde.


