Teil eines Werkes 
2. Bd. (1855)
Entstehung
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und unausgeſprochen bei ſich tragen zu können, und er mußte ſeinem Herzen Luft machen.

Indeſſen war Hedwig, die an dem Morgen ſchon zwei⸗ mal vergebens an ihrer jungen Herrin Thür geklopft, durch den Cajütenwärter dorthin beſchieden worden, und flog jetzt dem willkommenen Befehle Folge zu leiſten. Die junge Frau hatte ſich ihr ſtets ſo mild, ſo freundlich gezeigt, war beſon⸗ ders geſtern Abend in ihrem Schmerz ſo herzlich mit ihr ge⸗ weſen und dieſe Güte that dem armen, verwaiſten Kind ſo wohl daß es ſie trieb und drängte ihr Leiden zu er⸗ fahren. Konnte ſie auch nicht helfen, mittragen konnte ſie es doch, und Alles, Alles thun was in ihren Kräften ſtand, ja ſelbſt was über ihren Kräften lag, es zu erleichtern.

Sie fand Clara heute ſchon auf, und vollſtändig ange⸗ zogen in ihrer Cajüte, und als ſie die Thüre öffnete ſtreckte ihr die junge Frau die Haud entgegen. Hedwig erſchrack aber über das todtenbleiche ſchmerzdurchzuckte Antlitz der geliebten Herrin, und wollte die gebotene Rechte in ängſtlicher Haſt an ihre Lippen führen, als ſie ſich von Clara emporgezogen, von ihren Armen umſchloſſen und einen heißen Kuß, heißere Thrä⸗ nen auf ihrer Stirne fühlte.

Um Gottes Willen liebe gnädige Frau

Nenne mich Clara fortan und Schweſter flüſterte aber die Frau unter gewaltſam zurückgedrängten Thränen denn ich will es Dir ſein bis zum Tode, Du armes lie⸗ bes Kind. Aber ruhig jetzt keine Frage weiter, kein Wort, bat ſie, als Hedwig ſich halb erſchreckt, halb ſchüchtern aus