252
Die Frau war ſchlank und voll gewachſen, mit beſonders kleinen Händen und Füßen, mußte auch einmal in früheren Jahren wirklich ſchön geweſen ſein, und mehr noch als nur die Spuren war ihr davon geblieben, hätte ſie eben etwas ge⸗ than ſich das zu erhalten. Aber in ihrem ganzen Aeußeren ging ſie, wenn nicht geradezu unreinlich, doch vernachläſſigt; die ungeordneten Haare wurden durch einen zerbrochenen, ächten Schildpatkamm, und durch ein ſchwarzes abgeſcheuertes Sammetband, in dem vorn eine große bronzene Broche mit einem unächten Turquis ſaß, gehalten; in den Ohren hingen ihr ebenfalls lange emaillirte unächte Ohrringe, die mit dazu beigetragen hatten ihr bei ihren beſcheidenen und einfachen Nachbarn den Namen der„ſtolzen Jule“ zu geben, und das Kleid von gutem Stoff und nach neuem Schnitt gemacht, zeigte unausgebeſſerte Riſſe, und Spuren von Fett, in Streifen und Flecken, die ſchlecht zu dem blitzenden falſchen Schmucke paßten.
Auch in den Augen ſelber lag etwas Keckes, Unweibliches, das aber doch jetzt einem mächtigeren Gefühl gewichen war, denn nur manchmal, bei den rauhen Worten, blitzte es an gegen den Mann, und um die Lippen zog ſich dann ein eigener feſter Zug von Trotz und Zorn.
„Ich hab' Dir genug zu Willen gethan, daß ich mit Dir gehe und die Kinder zurücklaſſe,“ ſagte ſie dann nach kleiner Weile—„wenn's mir das Herz dabei zuſammenzieht, wärſt Du ſchlimmer wie ein Thier, wollteſt Du's mir wehren. Der Wolf läßt ſeine Brut nicht im Stich, und wir wollen fort—“
—
L


