Teil eines Werkes 
1. Bd. (1855)
Entstehung
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dieſe hat, wenn ſie ſein gedenken, und ſich mit Vermuthungen quälen müſſen wie es jetzt ihm geht, was er thut, was er treibt, wo er jetzt gerade weilt. Er weiß in welchem Kreis die Seinen ſich bewegen, kennt in jeder Tageszeit ihre kleinen, häuslichen Beſchäftigungen, ihr gleichmäßiges Wirken und Schaffen, und ſein Herz, das immer noch daheim bei ihnen weilt, wahrt ſeinen feſten Anhaltspunkt an ſie ſich unverküm mert fort, bis das Bild, von anderen dicht umdrängt in weiter immer weiterer Ferne langſam erbleicht, und nur noch auf dem Hintergrund des Herzens wie ſchlummernd liegt, in ſeinen Träumen ihn zu ſegnen, oder dereinſt, wenn die Welt ihn kalt und rauh von ſich ſtößt, und er allein und freundlos ſich da fühlt, wieder aufzuglühen in aller Friſche und Wärme, ein Troſt und Hoffnungsziel, dem armen, einſamen Wanderer. Georg war ein junger lebenskräftiger Mann von dreiund⸗ zwanzig Jahren, mit dunkelbraunen, vollen, ihm frei und un⸗ geſcheitelt über die offene ſonngebräunte Stirn fallenden Locken, ſchwarzen klaren Augen und freien, gutmüthigen Zügen, die ſelbſt eine breite dunkle Narbe über den rechten Backen, der Autograph eines Commilitonen, nicht entſtellen konnte. Er hatte Mediein ſtudirt, und ſich das Doctordiplom mit eifrigem Fleiß verdient, aber die Ausſichten für einen jungen Arzt waren trüb und unverſprechend in ſeiner Heimath, und jene fremde Welt, von der er ſchon ſo viel geleſen und gehört, zog ihn mächtig an. Sein Vater konnte und wollte dieſes Streben nicht bei ihm unterdrücken; auch er erkannte die Banden, die hier einen kräftigen Geiſt ſo leicht in Feſſeln legen, und ehrte den Wunſch