Teil eines Werkes 
6 (1843)
Entstehung
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Seidenzeug vermummt, und nur die nackte Schulter ſah zwiſchen dem Umhang und dem dunkeln Trauerkleide hervor. Aber ein Kind ging an ihrer Hand, ein kleines Mädchen, niedlicher und freundlicher als alle Kinder im Dorfe. Und als der Küſter mich ſah, ſprach er: das iſt er! und ſogleich ſtürzte ſie ſich über mich, und be⸗ deckte mein Geſicht, meinen Kopf, meine Schultern mit zahlloſen Küſſen, und rief dabei beſtändig: Antonio, unſer Antonio! Ich ſtand erſchrocken, und was ich von ihrem Geſicht ſah, war ſo bleich, daß ich mich faſt fürchtete.

Auch ſie da? rief der Baron mit Entſetzen, und fiel in den Stuhl zurück. Alle Todten werden erwachen, werden kommen, werden Dich fordern. Auch Philippo! Komm, brich auf mit mir, Bube! Wir wollen fort, wollen in den tieſſten, unzugänglichſten Höhlen des Ge⸗ birgs uns verbergen. 9

Sie haben mir nichts gethan, Großvater! ſprach der Knabe ruhig und verwundert weiter. Denn als die Frau mich abgeküßt, kniete ſie an mir nieder und ſah lange in mein Geſicht, und zog dann das niedliche Kind her zu uns und ſagte: Antonia, ſieh her, das iſt An⸗ tonio! und die Kleine mußte mich ebenfalls küſſen und that das ohne Sträuben, und ſprach dazu fremde, hübſch klingende Worte, die ich nicht verſtand, die mir aber klangen, als hätte ich ſie ſchon einmal gehört vor langer Zeit. Dann ſtand die Frau ſchnell auf und faßte mich und die Kleine mit ihren Händen, zog uns mit ſich und rief dazu: Fort, fort von hier, Antonio! Die Gegend iſt ſtill, wie in jener Nacht. Die Pferde war⸗ ten! Komm mit mir, Antonio; Du gehörſt mein, ich werde Dich ſchützen gegen Jeden, der Dich mir zu rauben