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Der graue Schloßthurm von Sparneck ſtand bemoost, durchlöchert auf dem alten Fels, mit dem er in Freund⸗ ſchaft auf Jahrhunderte verwachſen, er ſtand da als der letzte Reſt alter Herrlichkeit und Kraft; Niemand kümmerte ſie mehr um ihn, und er war doch einſt der Stolz und die Furcht der Landſchaft geweſen; mannliche Ritter und geprieſene Frauen hatten in ſeinem Schirm geminnt und turnirt und fürſtliche Bankette an ſeinem Fuße gefeiert; jetzt beſuchte ihn nur als treugebliebene Gäſteſchaar der krächzende Rabenflug, der nach dem Moder fliegt und nur, wenn die Dämmerung aufſteigt, ſeine Lieblingsplätze begrüßt. Dicht neben ihm, im engen, unſcheinbaren Hauſe ſaß ein Spiegelbild, eine Seelenruine, der alte Baron Anton Hans Babo von Sparneck. Auch er glich einem Grabſtein, auf dem man die Vergangenheit zu leſen ver⸗ gebens bemüht iſt. Auch der Granit, obgleich er nicht fällt und nicht trümmert, verwittert; der Schlagregen ſpült ihm freilich nur die äußere ſchlechte Erdrinde ab,
aber das tröpfelnde Kupferwaſſer höhlet ihn, und macht ſein Innerſtes mürbe und bröcklich.
Aufgetrocknet, mumiengelb, ein Schatten von ehedem, aber ſtarr wie ſonſt, fein und mit Wahl gekleidet wie ſonſt, ſaß der alte Herr in ſeinem Lehnſeſſel, an welchem freilich der Sammet und die Vergoldung mangelte, und dikitirte den alten einzigen Hausmagd den Küchenzettel zum ſokratiſchen Mittagsmahle mit gleicher Grandezza, wie er es einſt einem Trio ſchneeweiß geputzter Köche gethan, und die alte Dienerin empfing die Befehle fern und re⸗ ſpektvoll, wie Jene, mit der weißen Spitzhaube unter dem Arm, und verweilte geduldig harrend, da die Ordre zum Abmarſche noch nicht gegeben, ſondern der Baron


