Teil eines Werkes 
6 (1843)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

481

Sie ſchauerte wie von Froſt geſchüttelt. Nein, nein! rief ſie. Seine Nähe war mir einſt ſchreckhaft, jetzt müßte ſie unheimlich, geſpenſtiſch, tödtend ſein. Gehet allein, und ſorget nicht um mich, denn ich kenne jeden Winkel dieſer Gegend. Mit meiner Antonia werde ich die Stelle aufſuchen, wo ihr Vater den erſehnten Frie⸗ den gefunden. Der Sakriſtan wird mir ſchon die Pforte aufſchließen, die zu ſeinem ſchwarzen Bette führt. An⸗ tenia muß beten an der ſtillen Stätte, ſein Geiſt muß dort die Waiſe ſegnen, die keinen Vater ſah und mit den Thränen der Wittwe getränkt wurde.

Und Antonio? fragte der Mann.

Eine innere Stimme ruft mir, ich werde ihn finden, ſein Schutzpatron wird ihn in der Mutter Arme tragen, unter dem freien Himmelsdom oder im heimlichen Schat⸗ ten der Baumkapelle werde ich ihn umfangen, und den langgeſparten Mutterkuß auf ſeine hohe, reine Stirne preſſen. O er muß groß und ſchön geworden ſein? Aber der Mutter Bild wird nicht mehr leben in ſeinem heißen Herzen, denn ihr verleumdend Wort, ihr Haß wird jeden Keim darin zerdrückt haben, der zu einer Liebes⸗ vlume für die Mutter aufſproſſen wollte. O das iſt

das Bitterſte in unſerm Schickſal!

Und was ſoll werden nachher? Der Mann faßte die Schwärmerin feſt ins Auge. Was nachher? Werde ich's nicht dort erfahren, dort, wo Philippo ſchlummert? Gewiß, Don Agoſtinho, es wird nicht ſtill bleiben im Sarge, und was ich von dort mitbringe, muß Euch wie mir ein heiliger Befehl werden. Der Mann ſchüttelte traurig auf die Gefährtin herabſchauend ſein Haupt.

Blumenhagen. VI.