Teil eines Werkes 
5 (1843)
Einzelbild herunterladen

486

Die langerſehnte Nacht kam endlich mit ihrem Schat⸗ tenmantel. Des Wächters Schritte, der ſeine Pflegebe⸗ fohlenen viſitirte, ob ihnen nichts fehle, und ob ſie nicht fehlten, verhallten auf den Steintreppen im Thurme; jedes Geräuſch im Schloßhofe verſtummte nach und nach; eine todte, drückende Stille trat ein, die nur zuweilen der Fittichſchlag eines Uhus unterbrach, der kreiſchend am Thurmloch vorüberſchoß, wo er ſonſt Neſt und Wohnung gehabt habte. Mit nackten Füßen ſchlich das gefangene Mädchen, jeden Horcher fürchtend und ſelbſt horchend an Wänden und Thüren, auf dem Steinboden umher. Sie erhorchte Nichts. Woher wird der Retter kommen? Wird ſeine Rieſenhand die Eiſenthür zerbrechen? Wird er aus dem Fußboden ſich heraufwühlen, oder aus der durchbro⸗ chenen Decke ſich herabſenken?

Jetzt ſchlug es Zwölf unten im Dorfe, und gleich nachher auch oben im Schloſſe. Die ſich durchſchlingen⸗ den Glockentöne zogen die Jungfrau an das weit ge⸗ wölbte Thurmloch, in welches die kühle Nachtluft ein⸗ ſtrömte. Links am Himmel hingen dicke Wolken, wie drohende Drachen, die Trabanten der Finſterniß; rechts ſchaueten aus dem tiefblauen Himmelszelte tauſend Sterne, wie Engelsaugen, und der Beängſteten gegen⸗ über ſtand ein großer Planet mit ſeinem klaren, hellen Lichte.

Horch! Da vernahm ſie ein leichtes Geräuſch von oben, aber außerhalb des Steingebäudes. Ein dickes, dunkles Seil rauſchte vor der Oeffnung herab, langſam und lang. Das Geräuſch droben wurde ſtärker. Sie lauſchte bang und voll Neubegier. Da deckte ein großer Schatten das ganze Fenſter, und es ſchwankte draußen und drängte ſich hereinwärts, und als ſie zurücktrat,

,