476
Geiſt gereinigt worden von den Vorurtheilen und dem Aberglauben, die noch ſo manche Gegend und ſo viele tauſend Seelen belaſteten. Mit blutendem Herzen ſtand er am Fenſter gefeſſelt auf der Stelle, von wo er beim Laternenſchimmer die unglückliche Alte auf einem Schub⸗ karren zum Kerker fahren, und von den groben Geſellen umringt, unter Spießen und Bajonetten, das liebliche Hannchen hinterdrein wanken ſah, mit gefalteten Händen, todtenbleichem Angeſichte, und vom gelöſeten Blondhaare wie von Engelsfittigen umflogen. Mit widrigem Tone fiel die Eiſenpforte des Thurmes hinter ihr zu, und die⸗ ſen Ton, dieſes Bild konnte er nicht verjagen aus ſeinen Sinnen, und es däuchte ihm, als wäre eine ewige Nacht über die Welt herein geſunken, und mit der Thurmthür habe ſich ein großer Grabesſtein über alles Lebendige gelegt. Er kannte diejenigen, die hier Gewalt hatten, kannte den ſtarren, geiſtesarmen Gerichtshalter, den aber⸗ gläubigen Prädikanten, der ſeine Lämmer in der Finſter⸗ niß weiden ließ, und vor Allen kannte er den wüſten, oft verwirrten Eigenſinn ſeines Vaters. Mit ſchuldloſer Zuneigung wandte ſich ſein Herz ſchon ſeit lange zu dem ſo ſchönen als guten Kinde der Natur; im unſchuldigen Betrachten und Beachten dieſer Lieblichkeit fand er Genuß, im einfachen Zwieſprache mit ihr Erholung, und jetzt ſah er die Holde, der nur ein altes Pergament fehlte und ein buntes Wappenſchild, um ſie über alle Fräulein des Landes zu ſetzen, der Gemeinheit verfallen, mit Raub⸗ gefindel und Vagabunden in eine Klaſſe geſetzt, und der unmenſchlichſten Pein, ja dem gräßlichſten Tode nahe gebracht. Doch die Unruhe ſeiner Seele ward noch ver⸗ mehrt, als jetzt ſein Reitknecht, der brave Lüet, herein⸗ ſtürzte, ſich in Todesangſt ihm zu Füßen warf, um Rettung


