430
jeder Ball hatte für ſie eine neue Sonne von Auſterlitz. Niemand konnte ihren Ruf antaſten, nicht Mann und Weib einen Beweis gegen ſie ins Licht ſtellen, froh und frei ſchritt ſie durch das gefährliche Terrain, achtete nicht des Wespenſchwarms, lächelte, neckte, beglückte mit Blick und Hand, ohne daß je irgend einer der Nachtfalter, welche die Sonnenwende umſchwärmten, ſich eines Vor⸗ zugs, eines wirklichen Geſchenks zu rühmen vermochte. War die Dame des Thals wirklich ſo rein und kalt wie der Bach, der durch ihre Wieſen ſpielte? freute ſie ſich in kindlicher Unbefangenheit des Vergnügens um des Ver⸗ gnügens willen? oder war ſie eine feine Schelmin, welche, was ſie vorgab, in tiefes Dunkel zu hüllen, den Be⸗ ſchenkten mit furchtbarem Eid zu binden wußte, daß er im Glück, berauſcht von Luſt und Entzücken, die Rolle des Entbehrenden fortſpielen mußte? Niemand konnte das ergründen.— Zwei Jahre dauerte das Tändelſpiel; aber aus der Liebhaber⸗ und Schmeichler⸗Cohorte hatten ſich ernſte Werber vorgedrängt, Ehrenmänner, die ſich nicht mit einer Bandſchleife oder einem Blütenſtengel zufrieden ſtellen ließen, und Azeliens Stellung in der Reſidenzwelt ward dadurch unſicherer. Schon murmelte das Damen⸗ chor von mehren Abweiſungen und ſchrieb an jeden ge⸗ flochtenen Korb das rothe Brandmal: Kokette; da über⸗ raſchte einen Feſtkreis die unerwartete Erklärung von Azeliens Brautſtande. Victorin von Horſten, ein hoch⸗ herziger junger Kriegsmann, meines Bruders, des locke⸗ ren Huſars, Intimus und Schlachtgefährte, Rittmeiſter gleich ihm, hatte den Sieg errungen, die ſtolze freiſinnige Atalante gefangen im kecken Reiterarm, und auffallend raſch nach dem Verlöbniß war der Tag der Vermählung angeſetzt, auffallender noch und ärgerlich für die jetzt


