Das Wiederfinden. 131
Paul war bleich und zitterte. Ueber ſeine Wangen roll⸗ ten große Thränen. Er konnte von ſeinem Standpunkte aus den Betenden nicht ſehen, aber die Stimme ging ihm durch's Herz. Als das Gebet zu Ende war, und wieder ein Ge⸗ ſang begann, trat er einige Schritte weiter vor. Starr heftete ſich ſein Auge auf eine greiſe Geſtalt, die mitten in dem Hauptgange der Kirche in einem Lehnſtuhle ſaß. Alle Erinnerungen ſeiner Kindheit wachten mit doppelter Stärke in ihm auf, alle ſeine Gefühle waren in der höchſten Er⸗ regung, denn die greiſe Geſtalt konnte niemand anders ſein, als ſeine Großmutter Cornelia. Schweigend griff er hinter ſich, faßte die Hand ſeines jungen Freundes und drückte ſie krampfhaft. Sevre fühlte, wie er zitterte, und ſein Auge richtete ſich ebenfalls dahin, wohin Paul das ſeine geheftet hatte. Er begriff jetzt, was in ſeinem Freunde vorging, denn er ſah Cornelien, von der Paul ſo oft erzählt, von der er immer mit der tiefſten Ehrfurcht geſprochen hatte.
Jetzt ſtieg der Geiſtliche auf die Kanzel. Paul hätte laut hinausſchreien mögen:„Mein Vater!“ Er mußte ſich an die Säule lehnen, um nicht umzuſinken. Noch ſuchte ſein Auge die treue Mutter und Marien, die Geſpielin ſeiner Kindheit. Er ſah ſie beide, aber er kannte ſie nicht. Die Mutter hatte der Gram alt gemacht, und Marien hatte die Jugend verändert. Durch die Seele des Jünglings ging mitten in der unausſprechlichen Freude ein tiefer Schmerz. Er glaubte, ſeine Mutter habe der Kummer getödtet.
Wieder ſchwieg der Geſang, und Clignet, an dem Paul


