Das Wiederfinden. 123
nein, das kann kein Menſch ſich denken. Ich hätte heulen mögen wie ein Kind, und doch war dazu nicht Zeit. Ich dachte jetzt nur daran, wie es möglich wäre, die beiden Lei⸗ chen beiſeite zu ſchaffen, ohne daß es ein Menſch merkte. Wir warteten ab, bis das Mordgewühl ſich noch weiter in die Ferne gezogen hatte, und ſchleppten dann die Leichen, ſo gut als möglich verhüllt, in unſere Wohnung. Aber wie war die zugerichtet! Der, den ich als Wächter zurückge⸗ laſſen, lag todt auf der Schwelle, alles war entweder zer⸗ ſchlagen oder geraubt. Wir verbargen uns mit unſern Todten in der Wüſtenei den kommenden Schreckenstag hin⸗ durch bis wieder die Nacht kam, immer in Gefahr, noch⸗ mals überfallen zu werden. Während dieſer entſetzlichen Zeit wollte es mir einmal vorkommen, als ſei noch Leben in dem Knaben; und in der That es war ſo. Jetzt galt's, den wieder zum Leben und in Sicherheit zu bringen. Das erſtere gelang uns nach angeſtrengten Bemühungen, das letztere hatte größere Schwierigkeit. Eine Bäuerin, die täg⸗ lich mit Milch und mit andern Lebensmitteln vom Lande kam, und die ich bereits kannte, mußte uns dazu behilflich ſein. Auf ihrem Karren, zu dem ſie ſelber das Pferd ab⸗ gab, brachte ſie den Lebendigen und ſogar den Todten unbe⸗ merkt aus dem Thore der Stadt, und wir beide flüchteten ebenfalls, ohne ertappt zu werden.
„In dem Hauſe der mitleidigen Bäuerin wurde Paul untergebracht und wirklich recht ſorgſam verpflegt. Reſpekt vor dieſer Katholikin, die ſolche Samariterdienſte an uns


