Das verlorene Kind. 31
fanden ſie die ganze Verſammlung. Der Geiſtliche ſah ſich ſogleich nach ſeinem Weibe um. Sie ſaß bleich und kraft⸗ los auf einem Steine, die Stirne in die hohle Hand geſtützt. Als Elignet ihren Namen rief, that ſie einen lauten Schrei. Ihr Ange irrte ſuchend umher, und als es den Knaben nicht fand, bedeckte ſie mit beiden Händen das Geſicht und ſagte leiſe wimmernd:„O, mein Kind iſt lebendig begraben! Er⸗ barme dich, mein Gott und Herr!“
Kein Auge war thränenleer bei dem Jammer der lieben Pfarrers⸗Familie. Der Geiſtliche ſelbſt ermannte ſich zu⸗ erſt wieder, beugte ſich zu ſeinem bekümmerten Weibe nieder und ſagte laut:„Eliſabeth, laß uns den Knaben dem treuen Menſchenhüter befehlen, aber noch nicht alle Hoffnung auf⸗ geben. Wir haben die Höhle nach einer Seite hin durch⸗ ſucht, wir wollen nicht ablaſſen zu ſuchen, ob uns der Herr vielleicht unſern Sohn wieder finden laſſen möchte.“
„Ja, geht, geht!“ verſetzte die Pfarrerin ſchnell.„ Eilet, jede Minute iſt eine Ewigkeit der Todesangſt für das arme Kind. Es könnte zu ſpät ſein, wenn ihr länger ſäumet.“
So wurde denn ſchleunigſt Anſtalt getroffen, die Nach⸗ forſchungen von neuem zu beginnen. Man ſorgte für hin⸗ reichende Leuchten; man band alle Seile und Schnüre zu⸗ ſammen, um einen Leitfaden für die zu machen, welche in der Höhle einen andern Weg, als der Steinhauer, nehmen wollten. An einer ſolchen im Hauptgange befeſtigten Schnur konnten ſie unfehlbar wieder den Rückweg finden. So begab ſich denn noch eine größere Zahl von beherzten Männern in


