22 Zweites Kapitel.
Führer den eigentlichen Brunnen. Es iſt eine Stelle, und zwar die einzige Stelle in dem ganzen Labyrinthe, an wel⸗ cher Waſſer von der Decke herabtropft. Und dieſe Waſſer⸗ tropfen fallen gerade auf den Stumpf eines verſteinerten Baumes, der mehrere Fuß über den Boden emporragt, wäh⸗ rend der obere Theil abgebrochen iſt. Die fallenden Tropfen haben eine Vertiefung in den Stamm gehöhlt, ſo daß das Waſſer daraus geſchöpft werden kann. Clignet und ſeine Begleiter tranken von dieſem Waſſer, und fanden es rein, wohlſchmeckend und kalt. Der Geiſtliche betrachtete die weite Halle mit ernſtem Nachdenken.„Lieber Freund,“ ſprach er hierauf zu dem Steinhauer,„es iſt morgen Sonntag, und ich möchte einen feierlichen Gottesdienſt halten mit meiner Gemeinde. Hier wäre die Kirche dazu. Möchtet ihr nicht morgen in der Frühe wiederkommen und uns hier⸗ herführen, weil wir ohne kundigen Führer den Weg nicht wohl finden würden?“
„O recht gern,“ erwiderte der Steinhauer:„ ich ſelbſt würde mich freuen, euerm Gottesdienſte hier beizuwohnen. Und höret nur, wie hier die Töne klingen, die draußen kein menſchliches Ohr vernehmen kann.“ Er rief nun laut, und nach einer Weile klang ſein Ruf weit aus den fernen Gängen zurück. Er ſchlug an die harten Tropfſteinzacken, und es klang durch die nächtliche Halle wie Orgeltöne. Wenn aber alle ſchwiegen, da hörte man nur das eintönige Fallen der Waſſertropfen auf den verſteinerten Baumſtrunk, was in der tiefen Grabesſtille wahrhaft ſchaurig klang.


