6 Erſtes Kapitel.
laut und heute beſonders inbrünſtig. Es war ein Gebet aus dem Herzen, das auch beinahe wie ein Pſalm klang. Das Flehen um Schutz in der gerechten Sache, um Hilfe und Troſt in Trübſal und vor allem um Bewahrung des Glaubens trat dabei beſonders hervor. Clignet hatte das Amen noch nicht ausgeſprochen, als man deutlich Trompe⸗ tenſchall von der Straße herauftönen hörte.
„Der Herr behüte uns in Gnaden!“ ſagte Clignet ernſt, aber mit einer Stimme, an der man eine tiefe Bewe⸗ gung merkte.„Die Zeit der Heimſuchung beginnt. Von den Menſchen ſind wir verlaſſen, denn der Graf von Manns⸗ feld zieht mit ſeinen Schaaren in die verrathene und ver⸗ kaufte Stadt. Betet zum Herrn, daß nur er uns nicht ver⸗ laſſe.“
„Der Herr wird die Verſuchung ſolch ein Ende gewinnen laſſen, daß wir es tragen können,“ ſprach die Großmutter mit einer wunderbaren Ruhe in ihren Zügen. Ihre Schwieger⸗ tochter war nicht ſo ruhig. Stumm, aber mit Thränen in den Augen umarmte ſie ihren Gatten.„Eliſabeth,“ ſagte dieſer tröſtend:„wir ſtehen in Gottes Hand, ohne deſſen Willen kein Haar von unſerem Haupte fällt. Ihm laß uns vertrauen!“
Unterdeſſen hatte ſich der Lärm auf der Straße vermehrt und der kleine Paulrief:„Da kommen die Reiter! Marie, ſchau' her!“ In Schlachtordnung zogen die Schaaren ein, und es währte geraume Zeit, bis ſie vorüber waren. Wei⸗ nend verließ hierauf die Pfarrerin das Zimmer, um endlich
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