Teil eines Werkes 
2. Bändchen (1803)
Entstehung
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Jezt muß ich dir einen Vorfall erzaͤhlen, der mir eine zwar verdrießliche, aber werthe und hel⸗ lige Pflicht auferlegt. Ich bin beglerig zu er⸗ fahren, was du an meiner Stelle gethan und noch thun wuͤrdeſt. Seit dem ich nicht mehr zu dem Geheimenrath gehe, pflege ich dieſe Stunden, die ſonſt der Liebe und meiner Wil⸗ helmine gewidmet waren, in dem Hauſe des Hofraths Leiger, eines verdienſtvollen Mannes, zuzubringen. Geſtern gleng ich ſpäter von ihm als gewohnlich, es war ſchon dunkel ich waͤhlte den kuͤrzeſten Weg durch eine abgelege⸗ ve Straße ich gehe in Gedanken den Haͤu⸗ ſern nach, ploͤzlich fahre ich erſchrocken zuruͤck eine wimmernde Menſchengeſtalt ſchwebte etwa vier Schuh von der Erde vor mir in der Luft ich faſſe mich, trete naͤher Barm⸗ herzigkeit! rettet mich! rief jezt eine weibliche Stimme von oben herab, und ließ ſich herun⸗ ter in meine Arme fallen und brach ohne Zeichen des Lebens zuſammen. In dem nem⸗ lichen Augenblick horte ich Lermen im Hauſe, und ſah Lichter hin und her tragen. Ich ent⸗ ſchloß mich kurz, raffte die Ohnmaͤchtige auf, trug ſie um die Ecke an den naͤchſten Brun⸗ nen, und begoß ſie mit der hohlen Hand ſehen konnte ich ſie nicht aber einige un⸗ verſtaͤndliche Toͤne, die dle ſchreckliche Angſt ihrer Seele verriethen, und einige matte Be⸗ wegungen zeigten an, daß ihre Lebensgeiſter