Salvator. 9
überraſchend leicht hatte ſich die Bahn zu der Trennung geeb⸗ net. Und dann war ſie, nach einem kurzen Kampfe, von dem ſie Niemand Rechenſchaft gegeben, nicht einmal ſich ſelbſt, aus der Gegend abgereiſt, um ſie nie wieder zu ſehen. Was konnte ſie jetzt bewegen, ſchon jetzt, wieder an die Heimkehr zu denken?
Höher war die Sonne geſtiegen, ihr Strahl löſte den Starrkrampf, in welchen der Froſt der Nacht die Blätter und Knoſpen geworfen hatte, aber nun fielen ſie welk zuſammen, und Laura, die an dem offenen Fenſter ſtand, pflückte gedan⸗ kenvoll einen kleinen Zweig, welcher ſie geſtern noch durch ſeine Friſche erfreut hatte. Ihr war ſo froſtig im Herzen, wie der Zweig ihre Hand kältete, aber ſie blickte ſo klar in ihre Welt, wie die Sonne draußen, ſie wußte, daß ſie Allem ge⸗ wachſen war, wovon ſie im Leben noch getroffen werden konnte, ſie hatte keine Ideale mehr, aber auch keinen Wunſch. Und ſie fühlte ſich, ſeit ſie überwunden hatte, feſter, als zuvor, noch bot ihr das Gebiet des Geiſtigen viel Edles, womit ſie wür⸗ dig ihre Gegenwart und Zukunft ſchmücken konnte, wenn es auch nicht eben Roſen waren. Die Frauen der Gegenwart ſpielen überhaupt nicht mehr ausſchließlich mit Roſen, und wieder die Roſe, das friſche duftende Kind der Natur, gedeiht ſchlecht in hoher Temperatur, darum pflegen ſie auch lieber jetzt Farrnkraut, im Zimmer und im Herzen.
Während Laura noch am Fenſter ſtand, von Außen faſt in ganzer Figur, wie ein ſchönes eingerahmtes Bild zu erkennen, fuhr ein leichter Wagen, mit zwei ſchwarzen Ponies beſpannt, die Allee daher, welche an der Gartenmauer vorüber führte. Ein bildſchöner Knabe ſaß darin und lenkte die Zügel, hinter ihm ein alter Lakai. Der Knabe blickte empor, nahm die


