302 Salvator.
er aber bisher keine Ahnung gehabt hatte. Was er dagegen der alten Frau mitzutheilen hatte, ließ dieſe plötzlich verſtum⸗ men, ſie ſtarrte ihn an, als habe ſie ihn gar nicht begriffen. Wie? Die verlaufene Dirne, welcher ſie auf die Nachrichten, die ſie von Sielitz erhalten, ſchon geflucht hatte, ſie ſollte hier ſein und auch ein Opfer des ſelbſtſüchtigen Mannes, um den ſie mehr litt, als er je erfahren ſollte? Rudolf wußte, daß Anne die Enkelin der Schramm war, dennoch erſchien ihm der Eindruck, welchen ſeine Entdeckung auf ſie machte, ein fürchter⸗ licher zu ſein: vor ihren Mienen graute ihm.
Sie faßte ſich aber bald.„Da muß ich doch ſelber zuſehen!“ ſagte ſie mit eigenthümlich ſchrillem Tone.„Ich kann Sie jetzt nicht hinbringen, wo Sie Ihren Papa finden. Heut laſſen Sie's überhaupt. Beſchlafen Sie ſich's, was Sie thun wollen — fort läuft Ihnen ja Niemand, wie uns die gottloſe Dirne! Ich wollte, der Karl hätte ſie todtgeſchoſſen—“
„Aber Frau Schramm!“ ſagte Rudolf aufſtehend.
„Leben Sie wohl, ſchlafen Sie geſund. Es iſt ſpät und da draußen brennen die Laternen knapp, aber ich muß doch heute noch hin— denn wenn nun der Fritze Schrader auch noch dazu kommt— mir wirbelt's ordentlich im Kopfe. Ver⸗ zeihen Sie nur, mein junger gnädiger Herr—“
Der junge Officier entzog ſich ihrem Handkuß, und als er fort war, ſtürzte die Alte troſtlos auf ihr Angeſicht. So blieb ſie liegen, bis Schepke, durch ihr Stöhnen entſetzt, furchtſam die Thüre öffnete und ſie in einem Anfalle von Krämpfen fand. Er rief Hausgenoſſen herbei, man brachte ſie zu Bett, ſie er⸗ holte ſich zwar, aber ſie war ſo ſchwach, daß an den Gang, welchen ſie beabſichtigte, für heut nicht mehr zu denken war.


