294 Salvator.
ſo arm, ſo unglücklich! Grade die Stärke, auf welche ſie all' ihr Heil im Leben geſetzt hatte, der Verſtand, wurde in ſolcher Noth zur Waffe gegen ſie ſelbſt: denn er zeigte ihr mit uner⸗ bittlichen Conſequenzen die baare Lage der Verhältniſſe, da war keine täuſchende Nebelhülle möglich.
Der Bruder hatte den Anfang ihres Briefes lächelnd ge⸗ leſen und das Mißverſtändniß, das ihn dazu führte, entſchul⸗ digen gewiß die Leſer, welche vielleicht auch an eine bizarre, verborgene Liebe dieſes verſchloſſenen Herzens geglaubt. Bi⸗ zart wäre ſie allerdings geweſen, aber darum eben für Laura's Charakter unmöglich. Wir begreifen vollkommen, wie ein einfaches und reines Gemüth aus niederm Stande ſich in Liebe zu Höhergebildeten, Höhergeſtellten wenden kann, wie ein armer Geſell ſein Herz an eine vornehme Dame, eine niedere Magd ihr unbewachtes Gefühl an einen Hochgebornen ſchließen kann, es vereinigt ſich hier oft ſo viel, um Bewunderung, Neigung, Leidenſchaft zu wecken, und Abſtoßendes, auch wo es ſich fände, erkennen dieſe einfachen Naturen nicht: jeden⸗ falls iſt ein Aufſtreben unbewußt immer erklärlich. Dann mag es ſich erklären laſſen, daß ſelbſt die Liebe eines Mannes aus den ſogenannten gebildeten Ständen ſich einer unverdorbenen Tochter aus niedern Schichten zuwendet, wiewohl in den mei⸗ ſten Fällen dieſer Art die Ueberſättigung oder die Sinnlichkeit den erſten Anlaß dazu geben wird— es kann indeſſen ſein, daß ein Mann, welcher das Unglück gehabt, in ſeinem Range recht viel Frauen, denen es an den ſchönſten Frauentugenden trotz aller feinen Bildung fehlt, gefunden zu haben, daß ein ſolcher— wenn er einem unſchuldigen, frommen, in natür⸗ licher Sitte aufgewachſenen Mädchen, ſelbſt des Bauernſtandes,


