Teil eines Werkes 
2. Bd. (1865)
Entstehung
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genblick aus der Hand gegeben, als Virginia ihn ſehen wollte, und ſogleich wieder zurückverlangt hatte.Warum weinſt Du, Tante? fragte ſie auf einmal mitten in ihrer wie⸗ derholten Erzählung, daß ſie der ſchöne Mann geküßt habe.

Virginia's Thränen rannen nun unaufhaltſam; ſie drückte das Kind ſtumm an ihr Herz und ſagte mit gebrochener Stimme:Nenne mich nur Mutter! Du darfſt es!

Darf ich? rief Giuditta fröhlich.Und wirſt Du nicht böſe? Schilt mich die Lenetta und meine Mutter nicht?

Du darfſt es! Ich bin Deine Mutter! klang es in ſchmerzlichen Lauten von Virginia's Lippen, und das Herz hätte ihr brechen mögen über des Kindes Freude und ſeine unſchuldigen Fragen, warum der Leſſo gar nicht wiederkomme, dem ſie es erzählen wolle, daß ſie nun Mutter ſagen dürfe. Lange ſaß Virginia mit dem Kinde auf dem Schooß und weinte viel, endlich wurde die Kleine müde, legte ihr Köpfchen an Virginia's Bruſt, und es währte nicht lange, ſo war ſie entſchlummert. Sanft und vorſichtig legte ſie Virginia auf ihr Bett und ſtand eine lange Weile verſunken in das Anſchauen des lieblichen Weſens, dann ging plötzlich ein Schau⸗ der durch ihre ganze Geſtalt; es war der Dämon ihres Schickſals, der ſie ſchrecklich an ihren Entſchluß mahnte.