Teil eines Werkes 
2. Bd. (1865)
Entstehung
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239 Sie wagte nicht noch einen letzten Blick auf das ſchlummernde Kind zu werfen; mit ſchwankenden, aber raſchen Schritten ging ſie zu ihrem Spiegeltiſch, wo ein Kryſtallglas mit friſchem Waſſer ſtand; ſie zog ein Fach, nahm ein ſorglich eingewickeltes Fläſchchen heraus, träu⸗ felte von der hellen Flüſſigkeit, welche es enthielt, unge⸗ zählte Tropfen in das Waſſer und hielt das Glas in der krampfhaft bebenden Hand wagte ihr Blick im ſündhaften Frevel dieſes entſetzlichen Augenblicks das Bild des Gekreuzigten über dem Betaltar zu ſuchen?

Mutter! flüſterte es wie mit einer Engelsſtimme durch das todtenſtille Gemach.

Virginia zuckte zuſammen; ſie wandte ſich um.

Mutter, laß mich nicht allein! Süße, liebe Mutter, bleibe bei mir! hörte ſie das Kind im Traume ängſtlich ſprechen.

Und das Glas entſtürzte Virginia's Hand, daß es am Boden zerſchmetterte; ſie ſelbſt, von Schauern der Gottesnähe überwältigt, eilte zu dem Lager, wo Giuditta ruhte, ſank auf ihre Kniee und rief, die gefalteten Hände hoch zum Himmel erhebend:Nein, nein, Du mein geliebtes Kind! Ich bleibe bei Dir, ich verlaſſe Dich nicht!

Ende des zweiten Bandes.