Teil eines Werkes 
2. Bd. (1857)
Entstehung
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kleinen Gemache ſaß und in die wirbelnden Schnee⸗ flocken hinausſah, die ihr den Weg zu verſchütten drohten. Für ſchwache, zur Schwermuth geneigte Gemüther hat ein Winterabend, den kein Sonnen⸗ ſtrahl erhellt, wenn düſtere Wolken am Himmel la⸗ ſten und das weiße Bahrtuch ſich über die todte Natur breitet, etwas niederbeugendes: Chriſtine gehörte aber nicht zu dieſen, ſie beſaß ein ſtarkes Herz, das mit der Frendigkeit des Lebens zwar ab⸗ geſchloſſen hatte, doch in ſich ſelbſt ſeine Befriedigung fand. So blickte ſie ruhig in das ſtürmiſche Wetter, gefaßt in die Zukunft hinaus auch dieſe letzte Trennung, welche ihr ſchmerzlich bevorſtand, mußte ja überwunden werden.

Da wurde ſie zur Aebtiſſin beſchieden. Es war eine ungewöhnliche Stunde, denn wie nah auch ihre Verwandtſchaft, hielt doch die Oberin an dem Zeremoniell feſt, das ſie ſelbſt eingeführt hatte. Chri⸗ ſtine folgte der dienenden Schweſter, welche ihr ſagte, daß ein fremder Herr angekommen, bei der Aebtiſſin gemeldet und von ihr empfangen worden ſei, worauf dieſe eben nach dem Fräulein von Linden geſchickt habe. Der Beſuch galt ihr wer konnte es ſein? Sie trat in das Zimmer der Aebtiſſin, von der die⸗ nenden Schweſter eingelaſſen. Ein Mann befand