tragen war noch ſeine Geſtalt, man hätte ihm, wer ſein Alter nicht wußte, kaum ſoviel Jahre gegeben, als dem Manne, der ihm gegenüberſaß und ſein Sohn war, und doch waren faſt neunzig Sommer verronnen, ſeit ſeine Wiege droben in dem Exkerzim⸗ mer des alterthümlichen Schloſſes geſtanden hatte, das ſein graues Gemäuer unmittelbar hinter der Linde erhob. Schneeweiß waren die Locken zwar, die weit aus der hohen Stirn geſcheitelt ſeine Schläfe faſt freiließen, aber ſie fielen noch in unvermin⸗ derter Fülle über den Nacken herab, den der Alte nur vor Einem Herrn, dem Herrn des Himmels, beugen gelernt. Seine Hand, mit welcher er eben ſcherzend den Faden prüfte, welchen die Enkelin ge⸗ ſponnen hatte, war ſtark, aber auffallend wohlge⸗ formt, und weiß, wie eine Frauenhand: freilich hatte er ſie nun ſchon lange Zeit nicht mehr zu ernſten Thaten, wie ſonſt, gebraucht. Wie ſauber war auch ſeine Kleidung, obſchon nicht neu, vielmehr ſtark ge⸗ tragen und dem Schnitte nach aus längſtvergange⸗ ner Zeit! Die Jungfrau neben ihm, kaum ſechszehn Jahre alt, glich ihm Zug für Zug mit einer wun⸗ derbaren Aehnlichkeit— ſeltſam zu ſchauen bei der großen Verſchiedenheit ihres Alters. Ihr Auge hatte dasſelbe leuchtende Tiefblau, ihre Stirn war hoch
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