214
Mutter war krank vor Gram und Herzeleid— wie würde ſie heut glücklich ſein, wenn ſie das noch erlebt hätte! Aber es hat nicht ſein ſollen, unſer Vater im Himmel weiß Alles am Beſten.“
Eben trat auch der Großvater wieder ein, die Enkelin ſprach, wie alle Tage, das Tiſchgebet, und Alle ſetzten ſich zu dem einfachen Nachtmahle. Lienhard aber konnte nur wenig genießen; nicht, daß ihm die Suppe vielleicht eine ſchlechte Koſt geweſen wäre, das mochte der Fall ſein und wir haben es ſchon auf dem Altenſteig bemerkt, aber daran dachte er jetzt gar nicht: es war ſeine Gemüthsſtimmung, welche ihm nur wenige Löffel zu eſſen erlaubte. Die Groß⸗ mutter bemerkte es nur zu bald, hielt es für Blödigkeit und nöthigte ihn, da ſie ſich bewußt war, all' ihre Koch⸗ kunſt aufgeboten zu haben, um ihm etwas recht Leckeres zu bereiten. Als dies Nöthigen nicht half und er vorſchützte, gar keinen Hunger zu haben, fühlte ſie ſich gekränkt und ſagte, daß ſie es ihm freilich nicht bieten könne, wie er es in der Küche auf der Burg gewöhnt ſei. Der Großvater ſchnitt ihm die Antwort, die er geben wollte, ab, indem er kurz und derb
ſagte:„Wer keinen Hunger hat, kann nicht eſſen— wem's
bei uns nicht ſchmeckt, läßt's bleiben.“ Er hatte Lienhard
dadurch den Beweis gegeben, daß er ihn für ſeinen Enkel
nun wirklich anſah, denn gegen einen fremden Gaſt, meinte dieſer wenigſtens, würde er eine ſolche rauhe Aeußerung an


