Teil eines Werkes 
1. Bd. (1858)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

die Stätte geweiht war und neigte ihr Haupt in Demuth: eine Mutter, für ihr Kind inbrünſtig zu beten. Es war eine ſchon ältere Frau, aber ihr ſtilles und anziehendes Geſicht beſaß jene unvergängliche Schönheit, die ſelbſt mit Runzeln und Silberhaar wohl beſtehen kann; dieſe Zeichen höherer Jahre waren jedoch der Beterin noch fern. Sie hatte ihre Andacht nun beendigt und erhob ſich, mit dem Frieden im Herzen, welchen die Kraft des Gebetes verleiht. Langſam ging ſie an den Rand des Hügels, dem Aufgange zur Höhe, welchen ſie genommen hatte, grade entgegen⸗ geſetzt. Hier bot ſich dem Blicke eine entzückende Fernſicht. Ueber das blühende Land, mit Dörfern und Weilern beſäet, weit hinaus irrte das Auge, bis wo eines mächtigen Fluſſes Lauf durch Silberblitze im Sonnenſchein ſich kund gab das war die Donau und eine Stadt mit vielen und prächtigen Thürmen ſich erkennen ließ: das ſchöne Linz, weiter hin aber gegen Mittag, in klaren Umriſſen heut, die Kette der Alpen im Salzburger Land und wie ein Hüter der Schwelle jener erhabenen Welt, der Traunſtein, ſo hell und nah dem Auge, als ſei er noch im Laufe des Tages zu erreichen.

Dorthin ſtrebte die Sehnſucht der edlen Frau auf dem

Hügel jedoch nicht; ihr Blick folgte vielmehr dem fernen Laufe des Stromes nach Morgen hin und eine gewundene Straße, deren gelbes Band ſich zwiſchen den Feldern wohl unterſchied, war es vorzüglich, welche ihre Aufmerkſamkeit